Wasserkuppe - 28.09.2015Biosphärenreservat Rhön

„Hüter“ der Rhöner Rotmilane: Im Gespräch mit Bastian Sauer

Im Herbst 2014 startete das Artenhilfsprojekt „Rotmilan in der Rhön“. Die Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz, Prof. Beate Jessel, überbrachte einen entsprechenden Zuwendungsbescheid. Anfang März 2015 trat Bastian Sauer als Projektleiter seinen Dienst an. Er hat an der Universität Göttingen Biologische Diversität und Ökologie studiert und seine Masterarbeit über die Nahrungsökologie des Rotmilans verfasst. Nach rund einem halben Jahr im Amt zieht Sauer in dem folgenden Gespräch eine erste Zwischenbilanz.

Warum hat die ARGE 2014 das „Artenhilfsprojekt Rotmilan in der Rhön“ auf den Weg gebracht? Was ist das Besondere dieses Vogels?

Sauer: In Deutschland brüten zwischen 50 und 60 Prozent des Weltbestandes. Und der Rotmilan kommt nur in Europa vor. Deshalb haben wir als Deutsche eine sehr große Verantwortung für diese Tierart, zumal sie – zum Beispiel durch die intensive Landwirtschaft – seit den 90er-Jahren sinkende Bestandsgrößen zu verzeichnen hat. So war es jetzt tatsächlich an der Zeit, großflächig Schutzprojekte anzulegen.

Also wenn nicht wir, wer dann?

Sauer: Genau. Das Projekt wird ja auch durch das Bundesumweltministerium gefördert, im Rahmen des Bundesprogramms zur Biologischen Vielfalt, mit Schwerpunkt „Verantwortungsarten in Deutschland“. Da gibt es 40 schutzbedürftige Tier- und Pflanzenarten, für die wir Deutschen spezielle Verantwortung haben. Weil sie ausschließlich oder in einem großen Anteil an der Weltpopulation in unserem Land vorkommen. Unter diesen schützenswerten Arten steht der Rotmilan besonders im Fokus.

Was macht dem Rotmilan das Leben schwer?

Sauer: Der Hauptaspekt ist sicherlich folgender: In der Zeit der Jungenaufzucht, grob zwischen Mai und Juli, ist der Nahrungsbedarf am größten. Die Eltern müssen drei bis vier Jungvögel und sich selbst versorgen. Doch immer mehr Felder sind mittlerweile mit hoch und dicht wachsenden Kulturen wie Raps und Mais – verstärkt als Energiepflanzen – bestellt, sodass die Rotmilane an die Nahrung gar nicht mehr rankommen.

Die blicken von oben praktisch in einen Dschungel?

Sauer: Ja. Der Rotmilan kommt schlichtweg nicht zum Zuge. Selbst wenn er durch ein Rapsfeld die Beute sehen würde, käme er durch seine enorme Flügelspannweite von bis zu 1,70 Meter nicht an sie heran.
Die intensive Landwirtschaft beeinträchtigt im Übrigen auch Bodenbrüter und Insekten. An diesem Energiehunger leidet die ganze Artenvielfalt – und damit auch der Rotmilan, der an der Spitze steht. Durch den Rückgang der Artenvielfalt wird es für ihn immer schwieriger, Nahrung zu finden.

Als der Feldhamster noch häufiger war, gehörte dieser zur Hauptbeute des Rotmilans. Mit dem vielfachen Gewicht einer Maus, war er eine wesentlich lukrativere Beute. Heute gibt es kaum noch wilde Hamster. Und natürlich auch viel weniger Insektenreichtum durch Pestizide, intensive Landwirtschaft, Monokulturen.

Auch haben andere Prädatoren leichteres Spiel. Sie müssen sich vorstellen, wenn zur Jungenaufzucht im Idealfall ein Elternteil am Nest ist und das andere Nahrung sucht und die auch relativ schnell und ergiebig findet, ist alles in Ordnung. Wenn aber ein schlechtes Jahr ist, wenig Nahrung da ist und die Felder schon im Mai/Juni dicht stehen, dann dauert es wesentlich länger Beute zu finden. Da müssen dann beide Elternvögel jagen und in der Zeit haben natürliche Feinde wie der Habicht leichtes Spiel und schlagen auch gern am unbewachten Nest zu.

All diese Faktoren in Kombination führen dazu, dass es dem Rotmilan in den letzten zwei, drei Jahrzehnten zunehmend schlechter geht.

Was also ist das Ziel des Rotmilan-Projekts?

Sauer: Es gibt Deutschlandweit etwa zehn größere Projekte, die dem Schutz und Erhalt des Rotmilans dienen. In Hessen gibt es Schwerpunktvorkommen des Rotmilans in Nordhessen, im Vogelsbergkreis und eben auch im Kreis Fulda. Hier sind die Bedingungen gut und hier geht es dem Rotmilan ein Stück weit besser als in anderen Landesteilen.

Und hier hat man eben die Möglichkeit, durch so ein Projekt den Rotmilanbestand zu stärken – wenn man alle zusammen an einen Tisch bringt, vom Forst über die Landwirt- und Jägerschaft bis hin zur Politik.
Langfristiges Ziel ist, dass wir hier aus der Rhön wieder eine Quell- oder Spenderregion machen, es unseren Rotmilanbeständen also wieder so gut geht, dass sie sich vernetzen mit anderen Populationen.

Wie lässt sich das erreichen?

Sauer: Wir haben den Vorteil, dass die Rhön eine Mittelgebirgsregion ist und dass diese riesig großen Monokulturen an Raps und Mais vor allem in der Hochrhön noch nicht so präsent sind. Das ist eine hervorragende Ausgangslage. Selbst in den tieferen Rhönregionen ist das noch nicht so dramatisch wie etwa in Norddeutschland.

Die landschaftlichen Bedingungen sind hier noch sehr gut. Wir haben noch eine sehr mosaikartige Landschaft, Wald und kleine Feldgehölze, die sich mit Grünland abwechseln, Ackerbau neben kleinen Bächen und so weiter. Die Strukturvielfalt ist hier noch erhalten. Auf diesen guten Ausgangsvoraussetzungen kann man aufbauen.

Man hat einen relativ guten Bestand und kann praktische Schutzmaßnahmen einleiten. Beispielsweise Horstschutzmanschetten an Nestbäumen anbringen, um dann Prädatoren wie Marder oder Waschbären abzuhalten. Auch im Grünland lässt sich noch einiges optimieren, indem man beispielsweise gestaffelt mäht, sodass der Rotmilan über einen längeren Zeitraum immer Zugriff auf seine Beute hat.
Ein ganz wichtiger Punkt ist die Beruhigung der Brutstätten, also die Einrichtung von Schutzzonen. Wo sind die Rotmilane? Wo haben sie ihre Nester? Denn in der Rhön gibt es einen hohen Freizeitnutzungsdruck. Mountainbikes, Geocaching, und, und, und. Das müssen wir versuchen zu lenken und an die Vernunft der Leute appellieren, dass man da eben eine Beruhigung erreicht. Denn der Rotmilan ist sehr sensibel, was sein Brutrevier angeht.

Was sind die Hauptphasen des Rotmilan-Projekts?

Sauer: Im Prinzip geht es zunächst einmal um eine Bestandsaufnahme: Wo sind unsere Rotmilane? Wie viele Rotmilane haben wir? Wie ist die Situation? Das wird genau kartiert. Man muss alles dokumentieren, um nachzuweisen, ob unsere Maßnahmen etwas gebracht haben.
Wir arbeiten sehr viel mit Ehrenamtlichen zusammen, ohne die es bei der Erfassung und Betreuung der Neststandorte gar nicht geht. Wir haben da natürlich auch verschiedene Gremien, wir sind ja länderübergreifend tätig. In den einzelnen Bundesländern gibt es unterschiedliche Regularien. Ich werde diesen Herbst und Winter nutzen, um diese Strukturen weiter aufzubauen und zu vernetzen, um ein Grundgerüst zu bilden.

Parallel werden wir ein Artenschutzkonzept für den Rotmilan in der Rhön beauftragen. Es soll aufzeigen, wo die Schwerpunktvorkommen sind, wo es Probleme gibt, wo wir als erstes schützend eingreifen müssen. Als weitere Schutzmaßname werden wir ab nächstem Jahr beginnen, mit Landwirtschaft und Forst Horstschutzzonen und um diese herum Beruhigungszonen zu errichten und auch die Nahrungshabitate aufzuwerten.

Das alles wird über ein paar Jahre laufen, dafür sind auch Projektgelder bereitgestellt. Auch Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit werden wir im nächsten Jahr verstärken. Das ist ein großes Anliegen von uns: die Bevölkerung sensibilisieren für den Rotmilan und die Verantwortung, die wir als Deutsche für diesen Vogel haben. Um eben auch Licht ins Dunkel zu bringen. Manchmal liest man irgendwo: „Rotmilan verhindert Windkraft.“ Da müssen wir die Bevölkerung massiv bespielen.

Wenn das Projekt 2020 ausläuft (hoffentlich wird es verlängert), soll das Netzwerk an Ehrenamtlichen so weit vernetzt und eingespielt sein, dass das über die Projektzeit hinaus ein Eigenläufer wird.

Wir arbeiten ja länderübergreifend auf einer riesigen Fläche, auf fast 5.000 Quadratkilometern. Und wenn wir hier was erreichen und zusammenarbeiten, bin ich mir sicher, dass das Projekt auch durch gezielte Medienpräsenz und Werbung in der Öffentlichkeit Schule macht und auch in anderen Teilen Deutschlands etwas bewegt. Gerade wenn man sich vernetzt und ein reger Austausch besteht.

Dafür haben wir in der Rhön länderübergreifend super Voraussetzungen, landschaftlich und strukturell. Wenn man da alle Akteure an einen Tisch bekommt und alle an einem Strang ziehen, kann das Projekt nur erfolgreich werden. Die Rhön ist damit erneut modellhaft.

Gibt es für diese Arbeit fachliche Vorgaben?

Sauer: Wir arbeiten bei der Rotmilanerfassung beispielsweise nach deutschlandweit einheitlichen Erfassungskriterien des Dachverbands Deutscher Avifaunisten. In der Brutzeit von März bis Juli gibt es gewisse Termine und Zeitfenster, in denen man unterschiedliche Verhaltensweisen beobachtet. Das fängt mit der Balz und Revierverteidigung im März und April an und reicht bis zur Eiablage im April und Mai. Es folgt die Jungenaufzucht im Mai/Juni/Juli. Im Idealfall endet es mit der Bruterfolgskontrolle. Da schaut man dann am Nest genauer hin: Sind Jungvögel da? Wie viele und wie gut geht es ihnen?

Das ist natürlich zeitaufwändig und arbeitsintensiv. Ein Revier zu kartieren ist noch recht einfach, aber das Nest zu finden und zu kontrollieren ist schon schwieriger. Man kann ja nicht an jedem Tag präsent sein. Die Verluste durch Habicht und Waschbär zu dokumentieren, ist schwierig. Aber das kann man mit Engagement auch ein Stückweit leisten. Genau da ist die Datenlage in Deutschland noch immer recht mager, deswegen gibt es da auch so viele Projekte.

Jetzt sind sie etwa ein halbes Jahr in ihrem Amt. Welche Zwischenbilanz würden sie ziehen?

Sauer: Durchaus eine positive. In Anbetracht der Tatsache, dass ich erst zum 1. März ins Amt gekommen bin und unmittelbar darauf gleich die Kartierung begonnen hat und wir innerhalb kürzester Zeit bis zu 80 Ehrenamtliche gewinnen konnten, die durch die Bank weg mit Begeisterung dabei sind, muss ich sagen, ist das wirklich gut zu bewerten.
Natürlich habe ich mir teilweise noch mehr erhofft: dass wir flächendeckend einen lückenlosen Datenbestand bekommen dieses Jahr. Das ist aber durch den späten Start in die Kartiersaison einfach utopisch gewesen. Aber mit dem, was wir in der kurzen Zeit erreicht haben, auch der Vernetzung der Personen, können wir aber durchaus sehr zufrieden sein. Ich sehe es auch ein Stückweit als Lehrjahr an, sodass wir jetzt dank ordentlicher Vorarbeit auch richtig gut aufgestellt in die nächste Saison gehen.

Mit welcher Stimmung schauen sie in die Zukunft?

Sauer: Mit gemischten Gefühlen. Vom Projektstandpunkt aus betrachtet, denke ich mal, können wir durchaus etwas erreichen. Denn wir haben ein sehr gutes Ausgangspotenzial, was die Rhöner Landschaft und die Vernetzung der Ehrenamtlichen angeht. Auch ist der Rotmilan im Moment in aller Munde, auch wenn das oft mit dem Thema Windkraft zu tun hat und der Rotmian dann nur Mittel zum Zweck ist. Aber prinzipiell merkt man, die Leute sind von unserem heimischen Wappenvogel begeistert und wollen alles dafür tun, ihn zu erhalten und zu schützen. Rein von der Projektkulisse her können wir also durchaus etwas bewegen.

Insgesamt gibt es aber auch natürlich deutschland- und europaweit Probleme. Stichworte: Vergüllung, zunehmende Weiterintensivierung der Landwirtschaft und dadurch massiver Artenschwund und so weiter. So gesehen blicke ich eher skeptisch in die Zukunft. Denn da ist ganz klar die Politik gefragt. Aber wir können hier nun mal zunächst nur vor der eigenen Haustür aktiv werden.

Deshalb hoffe ich, dass wir mit dem Projekt auch eine Signalwirkung haben werden und vielleicht auch durch etwas andere Wege, die wir hier gehen können und wollen, aufzeigen, was genau notwendig ist, um tatsächlich bleibend etwas zu erreichen.

28.09.2015

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Fliegerdenkmal auf der Wasserkuppe mit dem Rotmilan (Milvus milvus) und Projektleiter Bastian Sauer

Ein Ziel des Biosphrärenreservats Rhön ist der Schutz der natürlichen Vielfalt - Rotmilan (Milvus milvus)

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