Unterleichtersbach - 04.02.2013Biosphärenreservat Rhön

Mehr als 40 alte und gefährdete Nutztierrassen in „Noah’s Rhön-Arche"

Projektabschluss, aber die Image-Arbeit geht weiter

RHÖN. Alte Nutztierrassen und Biosphärenreservate der UNESCO – eine Selbstverständlichkeit oder eher von Seltenheitswert? Für Tierhalter wie Ludwig Weber aus dem bayerischen Unterleichtersbach zum Beispiel gehört das Rote Höhenvieh seit über 20 Jahren zu den festen Standbeinen seines Demeter-Biobetriebes. Allerdings gilt auch das Rote Höhenvieh als eine gefährdete Rasse.

Im vergangenen Jahr hatte die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH) im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz in Bonn ein Projekt in allen 16 deutschen Biosphärenreservaten gestartet, um in einer Fragebogenaktion zu erforschen, welche Tierrassen in den landwirtschaftlichen Betrieben oder von Hobbytierhaltern gehalten werden und ob sich darunter die ehemaligen regionaltypischen Rassen befinden, die früher auch deshalb so verbreitet waren, weil sie als besonders robust und an das jeweilige Klima und die naturräumlichen Gegebenheiten als sehr angepasst galten.

Nach einem reichlichen Jahr Arbeit liegen jetzt die Ergebnisse vor, die auf einer Abschluss-Veranstaltung der GEH vorgestellt und diskutiert wurden. In allen drei Landesteilen des Biosphärenreservats Rhön hatten zu dieser Thematik Informationsveranstaltungen stattgefunden, deren rege Beteiligung gezeigt hatte, dass an alten Haustierrassen – vom Huhn über das Kaninchen bis hin zum Schwein und Rind – großes Interesse seitens der Tierhalter und -züchter besteht.

Der bundesweite Rücklauf von rund 250 Fragebögen gibt Auskunft darüber, dass 79 alte und gefährdete Nutztierrassen in den 16 Biosphärenreservaten gehalten werden. In der Rhön (im Biosphärenreservat sowie in den kompletten Landkreisen Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld) wurden länderübergreifend 42 gefährdete Nutztierrassen von 74 Betrieben beziehungsweise Tierhaltern erfasst. Hinzu kommen weitere Regionalrassen und Rückzüchtungen.

„Es ist davon auszugehen, dass es noch eine ganze Reihe weiterer Betriebe und Tierhalter/Züchter gibt, die sich noch nicht gemeldet haben. Dennoch ist es bereits eine bemerkenswerte Zahl, die das große Potential der Rhön für die Haltung und Zucht dieser Rassen aufzeigt“, sagte die stellvertretende Leiterin der bayerischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats Rhön, Dr. Doris Pokorny, die das Projekt in der Rhön koordinierte und dabei eng mit der landwirtschaftlichen Beraterin für den hessischen Teil des Biosphärenreservats Rhön, Janet Emig, und Claudia Bach von der Thüringer Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats Rhön zusammen arbeitete.

Deutlich lasse sich erkennen, dass in Bundesländern, in denen bestimmte gefährdete Tierrassen von staatlicher Seite gefördert werden, diese auch eine stärkere Verbreitung finden. So ist zum Beispiel das Rhönschaf bei fehlender Förderung in Hessen nur mit wenigen Herdbuchzüchtern vertreten, während es in Thüringen und Bayern noch gute Zuchtbestände gibt und die Förderung bereits seit vielen Jahren bei den zuständigen Landwirtschaftsämtern erfolgreich abgerufen wird.Bundesweit bislang nur sehr vereinzelt werden gefährdete Rassen in Vermarktungsprogrammen besonders hervorgehoben. Das Rhönschaf ist in der Rhön ein „leuchtendes“ Beispiel für eine Vielzahl von Vermarktungsideen, von der kulinarischen Vielfalt bis hin zu Übernachtungen im Rhönschaf-Ambiente. Weitere Beispiele gibt es im Biosphärenreservat Pfälzer Wald/Nordvogesen für das Glanrind und im Berchtesgadener Land, wo eine Vermarktung mit dem Pinzgauer Rind im Aufbau ist.

Die Abschlussveranstaltung im Biosphärenreservat Rhön mit etwa 20 Vertretern aus vier deutschen Biosphärenreservaten begann mit einem Besuch auf dem Demeter-Biohof des Züchters Ludwig Weber in Unterleichtersbach. Seit vielen Jahren bildet die Mutterkuhherde des Roten Höhenviehs den „tierischen“ Mittelpunkt des Hofes. „Die Rinder haben ein super Fleisch, was das Top-Kriterium für die Gastronomie als Hauptabnehmer ist – und sie sind robust und haben einen umgänglichen Charakter, was für mich als Landwirt in der täglichen Arbeit wichtig ist“, sagt Ludwig Weber, der vom Roten Höhenvieh überzeugt ist. Außerdem hält er eine Herde Rhönschafe für seine kleineren, schwer zugänglichen Weideflächen. Das im Gehege gehaltene Rotwild bildet ebenso einen Beitrag zur Vermarktung. Zum Hof gehören noch einige Walliser Schwarzhalsziegen, Fjordpferde und Bordercollie „Jule“.

Nach einer mittäglichen Stärkung mit regionalen Produkten und Rhönschafwurst im Informationszentrum „Haus der Schwarzen Berge“ gab Dr. Doris Pokorny einen länderübergreifenden Überblick zum Gebiet der Rhön und zur Entwicklung der Vermarktung des Rhönschafes unter dem Thema „Vom Sorgenkind zum Werbeträger der Region“. „Ein Wermutstropfen ist, dass trotz hervorragender Vermarktungsmöglichkeiten leider die für den Rassenerhalt unverzichtbare Herdbuchzucht insgesamt rückläufig ist“, stellte Dr. Pokorny fest. „Die Zahl der Herdbuchzüchter und der ins Herdbuch eingetragenen Zuchttiere hat in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Sehr erfreulich ist andererseits, dass sich insgesamt so viele Betriebe in der Rhön der alten Nutztierrassen annehmen. Diese Betriebe verdienen höchste Anerkennung.“

Antje Feldmann, Geschäftsführerin der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V., berichtete anschließend über die Situation der gefährdeten Rassen weltweit und zeigte, wie Erhaltungsarbeit praktiziert werden kann. Die vom Aussterben bedrohten Rassen sollten dabei stets in Nutzung – entweder durch direkten Verzehr oder anderweitige Nutzung ihrer Produkte – gehalten werden. Die Projektdatenbank soll auch nach Abschluss des Projekts von der Gesellschaft gepflegt und den Verwaltungen der Biosphärenreservate zugänglich gemacht werden.

Die engagierte Werbung für eine alte Rasse wurde von Helmut Schuler vom Biosphärenreservat Pfälzerwald/Nordvogesen präsentiert. So werden dort zum Beispiel Partnerbetriebe mit Glanvieh durch Öffentlichkeitsarbeit, auch durch die Erstellung von Infoflyern, in der Vermarktung unterstützt.

Dr. Urte Bachmann vertrat den Förderverein des Südharz und damit das jüngste der deutschen Biosphärenreservate, welches noch die UNESCO-Anerkennung benötigt. Bisher erfolgten hier vielfältige Aktivitäten vor allem zur Erhaltung von Streuobstwiesen. Neuere Aktivitäten werden sich auf deren Erhalt durch Beweidung, möglichst mit alten Nutztierrassen, die im Gebiet vorhanden sind, richten, unter anderem mit dem Roten Höhenvieh.

Christel Simantke von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. stellte anschließend den Entwurf einer Arbeitsmappe vor, die den Biosphärenreservatsverwaltungen an die Hand gegeben werden soll, um Anfragen zu gefährdeten Rassen leichter beantworten zu können und selbst Datenmaterial und Kontaktadressen zur Hand zu haben, die Interessenten an gefährdeten Rassen zeitnah weitergereicht werden können.

Die abschließende Diskussion betonte die Relevanz der staatlichen finanziellen Förderung bestandsbedrohter Rassen, aber auch die erforderliche Aufmerksamkeit für den Einsatz alter Rassen vieler indirekt Beteiligter, seien es die Zuchtverbände, Tourismusverbände oder Landschaftspflegeprojekte. Dr. Doris Pokorny führte an, dass im Biosphärenreservat Rhön für dieses Jahr die Erstellung einer länderübergreifenden Broschüre zum Thema alte Nutztierrassen geplant ist, in der die Halter und ihre Nutztiere vorgestellt werden. „Dies soll die Verbraucher informieren und für einen bewussten Einkauf sensibilisieren. Alle Halter alter Nutztierrassen, die noch keinen Fragebogen ausgefüllt haben, sollten sich bei der jeweiligen Biosphärenreservatsverwaltung melden, denn die Liste mit dem Ziel des Aufbaus eines Rhöner Erfahrungsnetzwerks für alte Nutztierrassen wird auch nach dem Projektende weitergeführt. Schon jetzt konnten durch das Projekt einige Interessenten mit den Haltern alter Nutztiere in Kontakt treten und über diesen Weg nicht nur Erfahrungen, sondern auch Zuchttiere vermittelt werden“, freut sich Dr. Pokorny.

Interessierte können unter folgenden Adressen Kontakt aufnehmen: Dr. Doris Pokorny, Telefon (09 31) 3 80 16 60 oder doris.pokorny@reg-ufr.bayern.de oder über die Gesellschaft zur Erhaltung alter Nutztierrassen www.g-e-h.de oder info@g-e-h.de

„Arche Noah“ in der Rhön: Liste der bislang in der Rhön dokumentierten alten bzw. vom Aussterben bedrohten Nutztierrassen:

Hühner: Vorwerkhühner, Thüringer Zwergbarthuhn, Bergischer Kräher, Sulmtaler Huhn, Altsteirer Huhn, Ramelsloher Huhn

Gänse: Bayerische Landgans; regionale Rasse (nicht bedroht): fränkische Landgans

Puten: Bronzepute, Cröllwitzer Pute

Kaninchen: Meißner Widderkaninchen; regionale Rasse (nicht bedroht): Rhönkaninchen

Schweine: Wollschwein, Deutsches Sattelschwein

Schafe: Coburger Fuchsschaf, Skudde, Schwarzes Bergschaf, Weiße gehörnte Heidschnucke, Bayerisches Waldschaf, Soay Schafe, Quessant Braunes Bergschaf, Rhönschaf

Ziegen: Thüringer Wald Ziege, Frankenziege, Harzer Ziege

Rinder: Ansbach-Triesdorfer Rind, Aubrac, Pinzgauer Rind, Rotes Höhenvieh, Hinterwälder Rind, Rotbunte, Original Braunvieh, Vogelsberger Höhenvieh, Gelbvieh (Frankenvieh); Sonderrasse (Auerochsenrückzüchtung) Heckrinder,

Pferde: Schweres Warmblut, Schwarzwälder Fuchs, Rheinisch-Deutsches-Kaltblut, Süddeutsches Kaltblut; alte Rasse (nicht bedroht): Isländer

Gebrauchshunde: Westerwälder Kuhhund, Mittelspitz, Altdeutscher Hütehund.

Tauben (Gefährdungsstatus unbekannt): Thüringer Farbentauben

Bilder und Informationen zu diesen und weiteren Rassen unter www.g-e-h.de/geh/index.php/rassebeschreibungen

04.02.2013

Zurück zur News-Übersicht

Unsere Sponsoren

Weitere Sponsoren