04.12.2018Trägervereine & Partner

Bürgerhilfevereine - Selbsthilfe in Zeiten des Demografischen Wandels

Der Verein Natur- und Lebensraum Rhön hatte gemeinsam mit dem Biosphärenreservat Rhön und der Gemeinde Nüsttal zu einer Informationsveranstaltung zum Thema Bürgerhilfevereine und Seniorengenossenschaften nach Silges eingeladen. Als Referenten stellten Prof. Dr. Doris RosenkranzMathilde Al-Doghachi und Jürgen Heuer ihre Erfahrungen vor.

 

Frau Dr. Rosenkranz begleitet im Rahmen wissenschaftlicher Arbeiten an der Technischen Hochschule Nürnberg seit Jahren die Entwicklung der Bürgerhilfevereine und Seniorengenossenschaften bundesweit. In ihrem Vortrag zeigte sie Chancen und Grenzen für diese neuen Formen von verbindlicher Unterstützung im Alter auf. Grundsätzlich stellt sich insbesondere im ländlichen Raum die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen? Unisono bekunden bei Umfragen Senioren, dass sie so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben wollen. Aber die alten Familienmodelle greifen in Folge des Wegzugs der Kinder, einer steigenden Zahl von kinderlosen Paaren und Scheidungen immer weniger. Auch die Nachbarschaftshilfe erodiert insbesondere in stadtnahen Orten. Professionelle Hilfen sind nicht immer verfügbar und oft kostenintensiv.

Umso wichtiger werden laut Frau Dr. Rosenkranz lokale Netzwerke, die auf ehrenamtliche Unterstützung beruhen. Sie berichtete von inzwischen über 200 Organisationen dieser Art bundesweit. Rosenkranz erläuterte die zentralen Kriterien von solchen gemeinnützigen Bürgerhilfeorganisationen. So sind es immer Organisationen, die auf Gegenseitigkeit und auf eine längerfristige Beziehung angelegt sind. Es muss eine verbindliche Organisation der Vermittlung von Hilfsdiensten geben, egal ob ehrenamtlich oder hauptamtlich. Ohne einen verlässlichen Kümmerer geht es nicht. In aller Regel sind Senioren die Zielgruppe der Organisationen, allerdings gibt es zunehmend auch breiter aufgestellte Vereine, die sich als Familienhilfe definieren. Zentral ist allen Einrichtungen, dass nur Mitglieder Leistungen bzw. Hilfen erhalten. Hier gilt konsequent das solidarische Prinzip. Meistens sind die Organisationen als Vereine, deutlich seltener z. B. als GmbH, Genossenschaft oder GbR organisiert.

Die Leistungen der Bürgerhilfevereine sind vielfältig. Sie reichen von Hilfen beim Winterdienst, Einkaufshilfe, Gartenhilfe, Fahrbegleitdienste bis hin zu Beratungshilfen im Umgang mit Behörden. Wichtig sind auch gesellige Angebote für die Mitglieder.

Die Referentin machte deutlich, dass es neben dem Mitgliedsbeitrag eine Anerkennung für die erbrachte Leistung geben muss, sei es über einen finanziellen Ausgleich oder über Zeit- oder Punktekonten, die dann bei eigener Inanspruchnahme eingelöst werden können. Ein Problem der Hilfeorganisationen ist oftmals, dass es zwar viele Bürger gibt, die Hilfe anfragen, aber wenige, die Hilfe leisten wollen. Berichtet wird aber auch von Senioren, die aus Stolz oder einem etwaigen Gerede im Dorf keine Hilfe annehmen und anonym bleiben wollen. Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist lt. Frau Dr. Rosenkranz auch, dass bei der Gründung erfahrene Ehrenamtler sowie ggfs. erfahrene Organisationen wie das Rote Kreuz oder die Diakonie und Kommunen eingebunden werden.

Wie die Praxis aussehen kann, berichteten die Ehrenvorsitzenden der Seniorenhilfe Dietzenbach e.V., Mathilde Al-Doghachi und Altbürgermeister Jürgen Heyer. Beide waren vor rund 25 Jahren Mitbegründer des ältesten Bürgerhilfevereins in Deutschland. Dieser Verein wurde maßgeblich von der Kommune initiiert. Man wählte die Organisationsform des Vereins, um Spenden annehmen und um viele Mitglieder aufnehmen zu können. Dank hohem Spendenaufkommen kann der Verein vielfältige Leistungen erbringen. Der Verein hat rund 2000 Mitglieder, davon bieten rund 200 Mitglieder Hilfeleistungen an. Der Mitgliedsbeitrag beträgt 7 Euro im Jahr, Hilfeleistungen werden mit 1 Euro je angefangener Stunde zuzüglich Fahrgeld berechnet. Die Leistungen des Vereins sind vielfältig. Fahrbegleitdienste, diverse andere Hilfeleistungen, Beratungsangebote für pflegende Angehörige, Ausflüge, Feste und Fortbildungen, Versicherungsschutz, eigenes Mitteilungsheft sowie ein regelmäßiges Anrufen der hochbetagten Mitglieder gehören zum Serviceangebot. Besondere Bedeutung gerade für alleinstehende Senioren haben Gemeinschaftsangebote wie der Handarbeitstreff, die Schreibwerkstatt, der PC-Kurs oder auch das Spiele-Cafe.

Bürgermeisterin Marion Frohnapfel betonte in ihrer Begrüßung, dass in der Gemeinde Nüsttal heute noch vieles über die Nachbarschaftshilfe abgedeckt werde. Gleichwohl sieht sie Handlungsbedarf mit Blick in die Zukunft. Sie berichtet auch von den guten Erfahrungen, die Nüsttal mit der Tagespflege in Verbindung mit dem Kindergarten Silges gemacht habe.

04.12.2018

Zurück zur News-Übersicht

Martin Kremer (vlnr. Mathilde Al-Doghachi, Altbürgermeister Jürgen Heuer, Bürgermeisterin Nüsttal Marion Frohnapfel, Prof. Dr. Rosenkranz

Unsere Sponsoren

Weitere Sponsoren