Gersfeld - 09.03.2009Biosphärenreservat Rhön

Bank trifft Biosphäre – Kernzonen und Rhöner Pflanzenwelt

 

Im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen Biosphärenreservat Rhön und VR Bank Nordrhön fand in der Bank-Geschäftsstelle Tann eine Informationsveranstaltung über das Biosphärenreservat Rhön statt. Martin Kremer, Geschäftsführer Verein Natur- und Lebensraum Rhön e.V., ging der Frage nach, ob Kernzonen sinnvoller Naturschutz oder ein unsinniger Luxus sind. Uwe Barth, Rhönbotaniker aus Tann, beleuchtete die Rhöner Pflanzenvielfalt anhand ausgesuchter Beispiele und stellte die Arbeit des „Netzwerkes Rhönbotanik“ vor.

 

Ausgehend von den aktuellen Diskussionen um das Kernzonendefizit der Rhön erläuterte Kremer zunächst Hintergründe. Die UNESCO sieht vor, dass Biosphärenreservate in Kern-, Pflege- und Entwicklungszonen eingeteilt werden. Dabei ist ein 3 %-iger Anteil Kernzone zwingend vorgegeben.

Kernzonen sind Gebiete, in denen sich Natur möglichst ungestört und unbeeinflusst von menschlichem Wirken entwickeln soll. Damit sind Kernzonen wichtige Lebensräume für seltene und bedrohte Arten. Für die Menschen sind sie aber gleichzeitig ein wichtiger Genpool, gleichsam eine Sicherungskopie von Arten- und Lebensräumen.

Kremer macht deutlich, dass der Schutz der Artenvielfalt kein Luxus ist, sondern Voraussetzung für Lebensqualität und das Überleben der Menschen sowie auch eine ethnische Verpflichtung ist.

 In der Hessischen Rhön wurden bislang 1.540 ha Kernzonen ausgewiesen. Dies sind 2,4 %. Der Fläche. Das heißt, im hessischen Teil des Biosphärenreservats werden weitere rd. 380 ha benötigt. 95 ha können durch bestehende Naturschutzgebiete und staatliche Flächen, auf denen bereits ein Prozessschutzgebot gilt, bereitgestellt werden.

Um das Defizit abzubauen, hat der Verein Natur- und Lebensraum Rhön e.V. nun sein Fachforum „Naturschutz & Kulturlandschaft“ beauftragt, ein Kernzonenkonzept zu erarbeiten. Seit Herbst 2008 wurde eine Reihe von Flächen sondiert und aus naturschutzfachlicher Sicht geprüft. Schwieriger gestaltet sich die Realisierung dieser Kernzonenvorschläge. Immerhin handelt es sich, bei Ankauf der Flächen, um einen Finanzbedarf von rd. 4 Mio. Euro. Lange hatte das Biosphärenreservat Rhön gehofft, über nicht Standortgebundene Ersatzmaßnahmeverpflichtungen zusätzliche Kernzonen im Wald finanzieren zu können.

 Dieses Vorhaben, das durchaus im Interesse von Landwirtschaft, Kommunen, Straßenbauverwaltung und Naturschutz ist, scheitert bislang an den bestehenden rechtlichen Vorgaben.

Kremer hofft, dass seitens der Politik die rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um für alle Beteiligten in einer erträglichen Form das Kernzonendefizit abbauen zu können.

 Nach einer intensiven Diskussion der Thematik stellte Uwe Barth im zweiten Teil des Vortragsabends die Rhöner Pflanzenwelt anhand von ausgesuchten Beispielen vor. Arnika und Silberdistel, Trollblume und Kugelige Teufelskralle und zahlreiche andere Pflanzen wurden vorgestellt. Bedenklich erscheint der auffällige Rückgang der Trollblumen. Als nordische Art scheint die Trollblume besonders vom Klimawandel betroffen zu sein.

Eine Besonderheit der Rhöner Pflanzenwelt ist der Alpenmilch-Lattich. Verbreitet ist er in den Alpen sowie in Skandinavien. Nur in weinigen Mittelgebirgen kommt er im Gipfelbereich vor. Die Rhön beherbergt das einzige Vorkommen dieser „Rote-Liste-Art“ in Hessen.

Ebenfalls typisch für die Mittelgebirge ist der Moorklee. Seine Heimat sind feuchte Heuwiesen. Diese Art verzeichnet drastische Rückgänge durch die veränderte Nutzung unserer Bergwiesen.

Eine andere Rarität ist der Ackerkohl, ein so genanntes Ackerwildkraut, welches durch die vom NABU am Dreienberg betriebene Dreifelderwirtschaft geschützt werden konnte.

Eine seltene Art beherbergen die Huteflächen des oberen Ulstertales: die Sumpf-Fetthenne. Die Art kommt im feuchten Bereich der Quellen vor und fühlt sich nur dort wohl, wo es regelmäßig Viehtritt gibt. In Deutschland gibt es nur noch zwei Vorkommen.

 Auch eine Reihe von Schlüssel- bzw. Indikatorarten hat die Rhön aufzuweisen. Dabei handelt es sich um Pflanzen, die für andere Arten „Tür und Tor“ öffnen. Beispiele sind der Mittlere und der Hohle Lerchensporn, die im Frühjahr unsere Buchenwälder mit einem lila und weißen Teppich überziehen. Beide Lerchenspornarten sind Nutzpflanzen, auf die einer unserer schönsten Schmetterlinge, der „Schwarze Apollo“, angewiesen ist. Ohne das Zusammentreffen von Hohlem und Mittlerem Lerchensporn fehlt dem Schwarzen Apollo die Lebensgrundlage. Eine Indikatorart ist der „Flutende Hahnenfuß“ in unseren naturnahen Bächen. Wie lange grüne Haare wächst er im Wasser und ist ideal an die Strömung angepasst. Er ist ein Anzeiger für gute Wasserqualität und Strukturgüte.

Ebenfalls eine Indikatorart ist die Küchenschelle, die auf intakte Magerrasenvegetation angewiesen ist und deutlich sensibler reagiert als z. B. die Silberdistel.

 Uwe Barth macht auf ein Dilemma des amtlichen und ehrenamtlichen Naturschutzes aufmerksam: „Wir haben erhebliche Wissensdefizite. Die amtlichen Daten sind lückenhaft, selten quantitativ und oft veraltet und ungenau“. Viele Daten sind nicht digital erfasst und damit kaum nutzbar. Um hier Abhilfe zu schaffen, wurde das Netzwerk Rhönbotanik mit Unterstützung des Biosphärenreservats Rhön gegründet und aufgebaut. 80 ehrenamtliche Kartierer arbeiten unter Anleitung von Botanikern bei der Erfassung der Rhöner Pflanzenwelt. Ziel ist dabei, nicht nur das Wissen um das Vorkommen unserer Pflanzen zu verdichten, sondern auch Bewusstsein, Akzeptanz und Artenkenntnis zu vermitteln. So konnten vom Netzwerk Rhönbotanik inzwischen über 10.000 Datensätze gesammelt werden. Um die Eingabe zu erleichtern, ist derzeit eine Eingabemöglichkeit über das Internetportal des Biosphärenreservats unter brrhoen.de geplant und im Aufbau.

 Jörg Bachmann, VR Bank, dankte den beiden Referenten für ihr Engagement und lobte die gute Zusammenarbeit zwischen Biosphärenreservat Rhön und dem Bankhaus. Als heimisches Bankhaus sei ihm der Kontakt zur Bürgerschaft wichtig, und dabei gehe es um weit mehr als nur um Geldsgeschäfte. Schließlich könne das Motto „Wir machen den Weg frei“ auch für Naturschutzprojekte gelten.

09.03.2009

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