Gersfeld - 18.02.2009Biosphärenreservat Rhön

Dringend geboten: Besucherlenkung, bessere Bejagung und zügige Biotoppflege

In der Rhön ist es gelungen, das Birkhuhn zu erhalten - aber aufgrund der stark zurückgehenden Population sind weitere Maßnahmen notwendig

RHÖN. Das Birkhuhn nimmt nicht nur in der Rhön dramatisch ab; auch auf Bundesebene ist es sehr selten geworden. Der Erste Integrierte Umweltbericht für das Biosphärenreservat Rhön setzt sich intensiv mit der Situation des Birkhuhns in der Rhön auseinander und zeigt auch Möglichkeiten auf, den Trend zu stoppen. Er empfiehlt vor allem, eine strikte Besucherlenkung im Naturschutzgebiet „Lange Rhön" durchzusetzen, um die Störungsmöglichkeiten für den empfindsamen Vogel zu reduzieren. Auch in einer besseren Bejagung der natürlichen Feinde und in der zügigen Umsetzung dringender Biotoppflegemaßnahmen könnten Chancen für das Überleben des Birkhuhns liegen.

Die aktuelle Verbreitung des Birkhuhns in Bayern beschränkt sich auf die Alpen und das Vorkommen in der Rhön. Neben dem Lebensraum der Lüneburger Heide existieren in der Bundesrepublik lediglich kleine, instabile Restvorkommen im Wesentlichen auf Truppenübungsplätzen. Es ist zu befürchten, dass die Population im Erzgebirge, die aufgrund großflächigen Waldsterbens für einige Jahre enorme Zuwächse verzeichnete, mit Rückkehr des Waldes auf die Freiflächen wieder auf ein Minimum reduziert werden oder auch ganz erlöschen wird. Die Rhön übernimmt daher bundesweit Verantwortung für die Erhaltung der Art.
Innerhalb der Rhön ist das Birkhuhn eine herausragende Leitart für die besonders wertvollen offenen Wiesenlandschaften in den Hochlagen der Rhön. Von deren Erhaltung wird die langfristige Sicherung des Birkhuhnbestands wesentlich abhängen. Dies gilt in besonderer Weise, da das Birkhuhn als so genannter „Standvogel" das ganze Jahr in der Rhön lebt und damit unmittelbar von der Sicherung seines Lebensraums mit allen Bestand erhaltenden Qualitäten angewiesen ist.
Das Birkhuhn ist für sein Überleben und seine erfolgreiche Reproduktion auf ein reichhaltiges Angebot an Nahrungspflanzen und davon abhängigen Kleintieren für die Jungenaufzucht angewiesen. Erforderlich sind darüber hinaus ein sicherer und ungestörter Nestplatz und ruhige, übersichtliche Plätze, auf denen die so genannte „Arenabalz" der Hähne stattfindet. Um bei knappen Nahrungsvorräten im Winter überleben zu können und aufgrund seiner hohen Störempfindlichkeit braucht das Birkhuhn einen insgesamt großflächigen und ungestörten Lebensraum.
Ende der 1960er Jahre fanden noch etwa 300 Birkhähne in der gesamten Hochrhön auf rund 8 000 bis 10 000 Hektar geeigneten Lebensraum. Die damals noch vernetzten, überlebensfähigen Teilpopulationen in den Kammlagen der Rhön sind heute bis auf eine Population im Naturschutzgebiet „Lange Rhön" erloschen. Diese Restpopulation ist derzeit isoliert und daher gegenüber einer Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen besonders empfindlich.
Das bisherige Bestandstief wurde im Frühjahr 1996 festgestellt. Damals balzten nur noch 12 Hähne im Naturschutzgebiet. In den Folgejahren gelang es durch umfangreiche Pflegemaßnahmen, die Wiederaufnahme der Schutzgebietsüberwachung sowie eine intensive Bejagung der natürlichen Feinde, die Population bis zu einem Bestand von 30 Hähnen im Jahre 2003 zu stabilisieren. Der erneute Bestandeseinbruch in den letzten Jahren auf nur 6 Hähne im Herbst 2008 gibt allerdings wieder Anlass zur Besorgnis. Es muss derzeit davon ausgegangen werden, dass in der Langen Rhön nur maximal ein Drittel der Hennen erfolgreich Jungvögel großzieht. Die wichtigsten Einflussfaktoren für das Überleben der Birkhühner in der Langen Rhön sind die Erhaltung geeigneter Biotopstrukturen, das Fernhalten von Störungen durch den Menschen und die wirksame Kontrolle der natürlichen Feinde des Birkhuhns, besonders von Füchsen, Wildschweinen und Marderartigen. Über den Einfluss des Habichts und dessen Fang erzielten die Experten bislang keine Einigung.
Die Fluchtdistanz der Birkhühner gegenüber dem Menschen ist hoch und beträgt durchschnittlich 300 Meter. Dies betrifft generell alle Personen, die sich im Naturschutzgebiet „Lange Rhön" - egal zu welchem Zweck - aufhalten. Zu den Störungen gehören auch Aktivitäten der Landwirtschaft, Schäferei, Jagd und Landschaftspflege, die jedoch erforderlich sind, um das Gebiet den Zielen entsprechend zu erhalten und zu entwickeln. Landschaftspflegemaßnahmen wie die Entbuschung werden deshalb seit einigen Jahren vorrangig in der für das Birkhuhn am wenigsten kritischen Zeit von September bis Ende Oktober durchgeführt. Auch die Forschungsaktivitäten im Naturschutzgebiet wurden auf ein Minimum reduziert sowie zeitlich und räumlich an die Bedürfnisse des Birkhuhns angepasst.
Um die Störungen durch Freizeitnutzung zu mindern, wurde 1982 für die Lange Rhön über die Naturschutzgebietsverordnung ein Wege-Gebot erlassen. Zusätzlich wurden mit den Nutzergruppen Konzepte entwickelt. Sie haben zum Ziel, die Freizeitansprüche der Erholungssuchenden mit den Ansprüchen des Birkwildes in Einklang zu bringen. Mit Maßnahmen der Besucherlenkung und Besucherinformation seit 1982 konnte das Ausmaß der Störungen deutlich reduziert werden. Zu diesen Maßnahmen gehörten die Verlegung von Wanderwegen, Loipen und Parkplätzen, die Installation von Schranken an gesperrten Wegen, Besucherinformation durch Hinweisschilder, einen Moorlehrpfad, Broschüren, Infomobile an Parkplätzen und die vor Ort tätige haupt- sowie ehrenamtliche Naturschutzwacht. „Aber es besteht weiterer Handlungsbedarf. Trotz der genannten Maßnahmen gehen von den Wegen grundsätzlich Störungen aus, die verhindern, dass alle im Naturschutzgebiet birkhuhntauglichen Teillebensräume besiedelt werden", heißt es im Umweltbericht.
Im Winter habe vor einigen Jahren noch kein Regelungsbedarf für die Sommerwanderwege durch die Naturschutzgebietsverordnung bestanden. Mit der stetigen Ausweitung des Schneeschuhgehens würden diese Wege nun aber auch im Winter genutzt. Dadurch entstünden erhebliche, bisher nicht aufgetretene Störungen. Außerdem habe in den letzten zehn Jahren die Anzahl jährlich stattfindender genehmigungspflichtiger kultureller und sportlicher Großveranstaltungen im Naturschutzgebiet zugenommen. „Eine deutliche Erweiterung der Ruheräume für das Birkwild könnte nur durch eine Änderung der Naturschutzgebietsverordnung und eine strengere Regelung der Freizeitnutzung erreicht werden", hebt der Umweltbericht hervor.
Natürliche Beutegreifer gelten als eine der Hauptursachen für den unzureichenden Brut- und Aufzuchtserfolg des Birkhuhns in der Rhön. Das Maximum von Schwarzwildbeobachtungen in der Offenlandschaft fällt in den Zeitraum der Brut- und Aufzuchtsphase des Birkwilds. In dieser Zeit wurden in den letzten Jahren regelmäßig teils starke Rotten von über 20 Wildschweinen bei Tageslicht in den potenziellen Brutgebieten beobachtet.
Die steigende Bestandsentwicklung beim Schwarzwild im Naturschutzgebiet „Lange Rhön" scheint weiter ungebrochen und gebe Anlass zur Sorge.
Neben der Minimierung von Störungen und einer effektiven Bejagung sei die Erhaltung und Herstellung optimaler Biotopqualitäten die wichtigste Grundlage für einen langfristig überlebensfähigen Birkwildbestand in der Hochrhön. Durch Nutzungsaufgabe und -änderung haben sich in der Vergangenheit wichtige Teillebensräume des Offenlands stark verändert. Die charakteristischen Offenlandarten haben so an Lebensraum verloren. Mehr als zehn Jahre nach Durchführung großflächiger Fichtenräumungen im Umfang von 110 Hektar im Gebiet hätten sich die geräumten und birkhuhntauglichen Flächen durch natürliche Sukzession wieder zu Waldstrukturen hin entwickelt, die dadurch zusehends an Lebensraumqualitäten für das Birkwild verlieren. Bei künftigen Maßnahmen zur Biotopverbesserung müsse es daher im Wesentlichen um die Wiederbehandlung solcher Flächen und die Räumung weiterer Fichtenalthölzer gehen. „Verzögerungen bei der Maßnahmenumsetzung schaden dem Birkwildbestand", heißt es im Umweltbericht.

Insgesamt schätzt der Bericht ein, dass die in der Vergangenheit realisierten Maßnahmen zum Birkhuhnschutz das Aussterben des Birkhuhns in der Rhön erfolgreich verhindern konnten, während andernorts die Birkhuhnvorkommen weiter rückläufig waren oder erloschen sind. „Eine wirksame Bejagung der Beutegreifer Wildschwein, Fuchs und Marderartige, die Realisierung dringend anstehender Biotoppflegemaßnahmen sowie die wirksame Lenkung der Besucher, insbesondere das Verhindern von Querfeldeingehen abseits markierter Routen, sind die Voraussetzung, dass sich der Birkhuhn-Bestand in der Rhön auch in Zukunft halten kann", unterstreicht der Bericht.

18.02.2009

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