Gersfeld - 18.02.2009Biosphärenreservat Rhön

Seit 30 Jahren werden in drei Orten der Rhön die Schwalben gezählt

Bereits seit 30 Jahren betreut die Arbeitsgemeinschaft „Naturschutz" das Nistkastenrevier, das sich entlang des Naturlehrpfades von Bermbach nach Buttlar und rund um die Sängerwiese befindet. Außerdem werden seit 1978 in regelmäßigen Abständen Zählungen der Mehl- und Rauchschwalbenbestände in Borbels, Mieswarts und Bermbach durchgeführt.

Die Arbeitsgemeinschaft Naturschutz wurde 1973 vom damaligen Vachaer Lehrer Dieter Iffert ins Leben gerufen. Seit 1978 wird sie von Klaus Schultes geleitet, der bis zu seinem Ruhestand als Geografielehrer tätig war. Der Träger der Arbeitsgemeinschaft ist die Naturschutzjugend im Naturschutzbund (NABU) Deutschland. Die Mädchen und Jungen konnten schon so manchen Preis für ihre bemerkenswerten Naturschutzprojekte gewinnen. So wurden sie in den letzten Jahren einmal Thüringer Landessieger im Naturschutzjugend-Wettbewerb und zwei Mal Zweiter.
Ein absoluter Schwerpunkt ist für die Jugendlichen die Betreuung des Naturlehrpfades, der von Buttlar nach Bermbach führt. Besonders am Herzen liegt ihnen dabei das Nistkastenrevier. Jahr für Jahr dokumentieren sie die Erst- und die Zweitbelegung der Kästen, hängen neue Kästen auf und reparieren beschädigte Nisthilfen. Bei der Erstbelegung hat sich in den letzten 30 Jahren die Kohlmeise als Favorit herauskristallisiert. 651 Mal war sie in den rund 60 Nistkästen anzutreffen. Ihr folgen die Blaumeise, der Kleiber und der Fliegenschnäpper. Auch der Feldsperling, der Star und der Baumläufer sind entlang des Naturlehrpfades heimisch, wenngleich sie allerdings eher selten dort brüten. Die Kohlmeise nutzt die Kästen zu 48 Prozent, die Blaumeise zu 32 Prozent und der Kleiber zu sechs Prozent, haben die Aufzeichnungen aus 30 Jahren Nistkastenbetreuung ergeben.
Ständige Bewohner der Nistkästen sind die Siebenschläfer. Sie sorgen für die Zweitbelegung; entweder um selbst ihren Nachwuchs aufzuziehen oder um in den Kästen zu spielen. Bei durchgeführten Kontrollen, berichtet Klaus Schultes, wurden sowohl Einzeltiere als auch ganze „Familien" angetroffen. Seit 1991 wurden spezielle Siebenschläferkästen in gesonderten Biotopen aufgehängt. Auch Hornissen und andere Insekten wie Wildbienen, Wespen und Hummeln finden in den Nistkästen Unterschlupf. Leider sind die Kästen, besonders wenn Hornissen darin gewesen sind, anschließend kaum mehr zu gebrauchen, da sie das Holz systematisch zerstören.
Als Kontrollzeitraum für die Nistkästen hat sich die Arbeitsgemeinschaft die letzte Woche im September ausgewählt. Bis zum 3. Oktober sind dann alle Kontrollen abgeschlossen. 2008 waren 49 der insgesamt 65 Nistkästen besetzt. 22 Mal brütete darin die Kohlmeise, zwölf Mal die Blaumeise. Sieben Mal nistete der Kleiber - das war eine vergleichsweise hohe Zahl.
Jahr für Jahr werden einzelne Nistkästen zerstört. Dies geschieht meist durch Neugier und Unvernunft des Menschen. Zum Teil werden sie einfach von den Bäumen abgeschlagen, manchmal werden die Vorderseiten herausgenommen, und zum Teil werden sie ganz entwendet. Auch Schäden durch Sturm oder bei Holzfällarbeiten sind zu beklagen. 2008 gab es einen Verlust von drei Kästen.
Die Beobachtungen der Mädchen und Jungen haben ergeben, dass das Wetter und der Grad der Störungen Einfluss auf die Belegung der Nistkästen haben. Auch das jeweils verfügbare Nahrungsangebot wirkt sich aus - beispielsweise beim Siebenschläfer. Wenn es wenig Nahrung in der Umgebung gibt, dann gibt es auch nur wenige Tiere.
Wie sehr der Mensch in die Natur eingreift, lässt sich anhand der gezählten Rauch- und Mehlschwalben nachweisen. Die Mitglieder der AG Naturschutz kontrollieren dabei die Nester an den Häusern in Bermbach, Borbels und Mieswarts. Zwar hat sich seit 1978 die Gesamtanzahl der Häuser erhöht, allerdings gibt es immer weniger Nester. Wurden in den drei Ortschaften vor 30 Jahren noch insgesamt 205 Rauchschwalben gezählt, waren es 2007 nur noch 123. Bei der Mehlschwalbe ging diese Zahl von 63 auf 52 zurück. Dieser teils dramatische Rückgang der Schwalben ist jedoch kein spezifisches Problem der drei genannten Orte; überall werden Nester an frisch verputzten Fassaden beseitigt oder Abwehrdrähte aufgehängt. Die Mehlschwalbe trifft immer weniger unversiegelte Flächen und geeignete Jagdgebiete an. Bei der Rauchschwalbe ist das nicht anders - es mangelt an Viehställen, die ideale Brutplätze sind, und Erd- und Lehmpfützen sind ebenfalls kaum noch in den Dörfern vorhanden. Leere Ställe werden hingegen nur ungern angenommen, und die Anwesenheit von Katzen und Ratten schreckt ab. Vor diesen Hintergründen ist nicht nur die Arbeitsgemeinschaft Naturschutz daran interessiert, Hauseigentümer wieder vermehrt für den Schwalbenschutz zu gewinnen. Auch die Verwaltungsstellen des Biosphärenreservates Rhön machen immer wieder in öffentlichen Veranstaltungen darauf aufmerksam, dass die Schwalben in der Rhön und in anderen Gegenden immer mehr abnehmen.
Seit 2002 steht die Mehlschwalbe in der Bundesrepublik Deutschland sogar auf der Vorwarnliste für bedrohte Vogelarten. Als Gebäudebrüter fallen Mehlschwalben - ebenso wie Rauchschwalben, Mauersegler und Haussperlinge - in die Kategorie der besonders schützenswerten Arten, deren Nester nach gesetzlicher Regelung nicht zerstört werden dürfen. Naturschutzorganisationen machen regelmäßig darauf aufmerksam, wie einfach es ist, Mehlschwalben zu helfen. Die im Handel erhältlichen Kunstnester werden von ihnen nämlich gerne angenommen, sofern noch in der weiteren Umgebung Mehlschwalben nisten. Ein waagerechtes Brett unterhalb der Nester verhindert dabei, dass Kot die Fassade verschmutzt. Darüber hinaus kann das Errichten eines Schwalbenhauses als Ergänzung, Sicherung oder Ersatz für eine Kolonie an Gebäuden eine sinnvolle Hilfsmaßnahme sein.
Die neuesten Zahlen der Gesellschaft „Birdlife International" stuften die Rauchschwalbe in Deutschland und den Niederlanden als „deutlich rückgängig" ein. In vielen europäischen Ländern hängen die festgestellten Bestandsabnahmen ursächlich mit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen in den dörflichen Siedlungsgebieten zusammen, auf welche die Rauchschwalbe als Kulturfolger und Gebäudeinnenbrüter dementsprechend reagiert. Hauptsächlich betrifft dies die Umstellung der extensiven Tierhaltung und des Ackerbaus auf großflächige und intensive Produktionseinheiten, in deren Konsequenz sich die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe verringert. In vollklimatisierten geschlossenen Ställen werden beispielsweise die Fenster über Klimacomputer geöffnet. Traditionelle Brutmöglichkeiten wie Wasser- und Stromleitungen sowie Lampen sind sparsamer dimensioniert und damit für die Schwalben unattraktiv. Bei Mastställen erfolgt eine gründliche Reinigung mit Desinfektionsmitteln, die auch die Nester der Schwalben nicht verschonen. Stallfliegen werden biologisch bekämpft oder über mannigfaltige Präparate vergiftet. Die überall vollzogene Trockenlegung von Gräben und feuchten Wiesen führte außerdem dazu, dass den Schwalben diese Strukturen, an denen sich bevorzugt Insekten konzentrieren, nun fehlen.
Die Mädchen und Jungen der Arbeitsgemeinschaft „Naturschutz" wollen auch in Zukunft ihre Bemühungen fortsetzen, etwas für den Erhalt typischer Vogelarten zu tun. In einem Projekt widmen sie sich beispielsweise speziell der Ansiedlung der Wasseramsel. Unterstützung hat die AG seit jeher vom Landratsamt des Wartburgkreises und von der Wartburg-Sparkasse bekommen. Auch das Thüringer Finanzministerium reichte schon Lottomittel aus. Außerdem helfen die Naturschutzjugend des NABU-Landesverbandes Thüringen und die Thüringer Verwaltung des Biosphärenreservates Rhön bei der Umsetzung des praktischen Artenschutzes.

 

18.02.2009

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