Gersfeld - 21.01.2010Biosphärenreservat Rhön

Lieber handwerkliche Qualität oder etwas Billiges aus dem Automat?

RHÖN. Besitzt ein Brötchen aus dem Automat bei Aldi Süd dieselbe Qualität wie das vom traditionellen Bäcker? Was ist der Unterschied zwischen „Backen" und „Aufbacken"? Ist es egal, ob das Mehl für die Brötchen aus der Region stammt oder erst über Hunderte Kilometer, womöglich sogar aus anderen Ländern, herantransportiert wird? „All diese Fragen sollten sich die Verbraucher stellen, bevor sie zum preiswerten Produkt des Discounters greifen" - empfehlen die Kreishandwerkerschaft und die Bäckerinnung des Landkreises Fulda sowie das Biosphärenreservat Rhön und dessen hessischer Trägerverein Natur- und Lebensraum Rhön e.V.

Bereits Ende des vergangenen Jahres hatte Aldi Süd angekündigt, in Zukunft in seinen Filialen Backautomaten aufstellen zu wollen, um den Kunden frische Backwaren, vor allem frische Brötchen, bereitzustellen. Verschiedene Presseagenturen sowie unter anderem die Süddeutsche Zeitung hatten über diese Pläne berichtet. Beim Bäckerhandwerk der Region, der Bäckerinnung des Landkreises Fulda und der Kreishandwerkerschaft Fulda stoßen diese Pläne auf Protest. 15 Cent soll das Weizenbrötchen aus dem Automat kosten. „Wir fürchten, dass dieser Preis noch sinkt und damit der Preiskrieg, der damit beginnt, zum Sterben vieler traditioneller Bäcker führt. Außerdem werden weitere Discounter nachziehen", befürchtet der Innungsobermeister der Bäckerinnung Fulda, Joachim Michel.
Die Innung und die Kreishandwerkschaft führen verschiedene Aspekte ins Feld, die aus ihrer Sicht gegen den Kauf der Discounter-Brötchen sprechen und mit denen sie die Verbraucher aufklären wollen. „Entscheidend ist aus unserer Sicht, wo das Getreide wächst, unter welchen Bedingungen es heranwächst und was die beteiligten Mitarbeiter in der Produktionskette für Geld bekommen. Ein familiär geführter Bäckerbetrieb wird sein Mehl immer aus der Region beziehen; meist kennt er sogar die Landwirte, die das Getreide anbauen", nennt Joachim Michel ein Beispiel. Der entscheidende Unterschied sei aber die Qualität der Produkte: das Bäckerhandwerk stelle die Back-Rohlinge, beispielsweise die Brötchen, selbst her. Dann werde der Rohling bis zum Ende im Ofen gebacken. Bei Aldi Süd verhalte es sich aber ganz anders: Hier werde das bereits nahezu fertig vorgebackene Brötchen tiefgekühlt, in die Filialen transportiert und im Automaten lediglich „aufgebacken". „Wenn das Brötchen aus dem Automat kommt, sieht es aus wie ein normales Bäckerbrötchen; aber spätestens am Abend wird jeder den Unterschied merken", meint der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Fulda, Manfred Schüler.
Das „Aufbacken" beziehungsweise „Aufwärmen" der Brötchen bei Aldi Süd dürfe man jedoch keinesfalls mit dem Backen frischer Brötchen, beispielsweise bei Bäckerfilialisten der Region oder in den Märkten von tegut... vergleichen, warnen Schüler und Michel. „Hier wird der Rohling nach speziellen Rezepten hergestellt, gekühlt und anschließend in den Filialen gebacken. Das ist ein grundlegender Unterschied zum bloßen Aufbacken. Das Herunterkühlen des Rohlings ist nichts Negatives. Im Gegenteil: Für das Aroma des Brötchens kann das sogar förderlich sein", erklärt Innungsobermeister Michel.
Im Bereich der Bäckerinnung Fulda, der mit dem Landkreis identisch ist, gibt es momentan 41 Bäckereibetriebe - vom Filialisten bis zum kleinen Inhaberbetrieb. 1 100 Frauen und Männer, natürlich aus der Region, seien dort beschäftigt, und momentan würden dort 140 Auszubildende betreut. „Das ist eine sehr hohe Ausbildungsquote im Vergleich zu den Discountern. Auch solche Faktoren sollten die Verbraucher kennen, wenn sie ihre Kaufentscheidung treffen. Wer beim Bäckerhandwerk kauft, der sichert Ausbildungs- und Arbeitsplätze in der Region", unterstreicht Michel.
Ein traditioneller Bäckereibetrieb stelle bis zu 200 verschiedene Artikel am Tag her, nennt Michel ein weiteres Beispiel, das die Vielfalt an Qualität und Geschmack der Produkte verdeutlicht. Beim Discounter seien es zehn bis 20. „Da geht also viel verloren, und es wird auf Dauer schwierig, noch etwas Individuelles zu bekommen, wenn der traditionelle Bäcker erst verschwunden ist." Alleine der Preis der Aldi-Brötchen sei ein Indiz dafür, „dass diese Backwaren nicht traditionell hergestellt werden, weil sie teilweise unter unseren Rohstoffpreisen liegen", hebt der Innungsobermeister hervor. Eine solche fast fertig gebackene und schockgefrostete Ware könne man heute theoretisch bequem aus Asien herantransportieren. „Preislich gesehen können wir an die Discounter-Brötchen nicht herankommen; wir können nur auf die Zusammenhänge hinweisen und die Bevölkerung sensibilisieren."
Für das Biosphärenreservat Rhön sei es seit seinem Bestehen ein zentrales Anliegen, regionale Kreisläufe zu unterstützen, sagt der Sachgebietsleiter Biosphärenreservat beim Landkreis Fulda, Martin Kremer, der gleichzeitig Geschäftsführer des Trägervereins für den hessischen Teil des Biosphärenreservats Rhön, des Vereins Natur- und Lebensraum Rhön, ist. Er weist auf den Ausbildungsverbund „Rhöner Lebensmittel" hin, den das Biosphärenreservat Rhön, einheimische Bäcker und Metzger sowie die Kreishandwerkerschaft Fulda unterstützen, um junge Leute wieder an das traditionelle Lebensmittelhandwerk heranzuführen. Am 16. Mai dieses Jahres werde darüber hinaus der 1. Rhöner Brot- und Biermarkt in Poppenhausen stattfinden, der zeigen soll, wie vielfältig Brot und Brötchen sein können, wenn sie handwerklich hergestellt werden. „Vielleicht sind die Pläne von Aldi Süd auch eine Chance für die einheimischen Betriebe", meint Kremer. Jetzt gehe es darum, die Produkte des traditionellen Bäckerhandwerks besser zu präsentieren und ihre Vorzüge zu kommunizieren. Eine Möglichkeit sei, dabei die Mitgliedschaft in der Dachmarke Rhön als starker Regionalmarke zu nutzen, um Regionalbewusstsein zu zeigen und einen Gegenpol zum Discounter zu bilden. „Wir wissen nicht, woher die Rohstoffe für die Brötchen beim Discounter wirklich kommen. Aber es ist eine absurde Vorstellung, dass wir uns in einer Zeit, in der die Weltbevölkerung explodiert und sich Klimakatastrophen häufen, von ausländischen Backwaren abhängig machen sollen", ergänzt Kremer. Vielmehr gehe es darum, zu überlegen, wie die Rohstoffversorgung vor Ort sicher gestellt werden kann - genau dazu entwickle das Biosphärenreservat Rhön seit Jahren Konzepte und arbeite bei der Realisierung eng mit den traditionellen Handwerksbetrieben der Region zusammen.
Nach den Angaben der Süddeutschen Zeitung stammen die Back-Rohlinge für Aldi Süd vom Backwarenhersteller Lieken. Das bestätigt Pressesprecherin Daniela Lützeler von der Lieken AG in Düsseldorf auch. Auf detaillierte Fragen antwortet das Unternehmen jedoch nicht, beispielsweise nicht auf die, ob die Back-Rohlinge wirklich direkt von Lieken für Aldi hergestellt oder lediglich von Dritten bezogen werden. Auch zum eigentlichen Backvorgang, so wie ihn Joachim Michel schildert, nimmt der Backwarenhersteller keine Stellung. Unbeantwortet bleibt auch die Frage, worin Lieken eigentlich die Qualität der Produkte sieht, die aus dem Backautomat von Aldi kommen. „Zunächst möchten wir Sie um Verständnis bitten, dass wir zu Kundenbeziehungen leider keinerlei Auskünfte geben dürfen", teilt Lieken per E-Mail mit. Lieken stelle seine Brot- und Backwaren ausschließlich in Deutschland her und beziehe seine Mehle für alle 15 Produktionsstandorte ebenfalls ausschließlich in Deutschland bei regional ansässigen Mühlen. Eine Belastung der Mehle werde bereits durch gesetzliche Bestimmungen und Richtlinien ausgeschlossen. Darüber hinaus verfüge das Unternehmen über umfangreiche interne Qualitätssicherungssysteme. Alle Produktionsstätten seien nach IFS 5 Standard zertifiziert. Diese Zertifizierung werde jährlich durch neutrale externe Institute durchgeführt, heißt es in der E-Mail weiter.
Ob diese Punkte nun wirklich auch in ihrer Gesamtheit auf die Aldi-Brötchen zutreffen, geht aus der Mitteilung nicht hervor. Die Bedenken der einheimischen Bäcker jedenfalls sind damit nicht ausgeräumt. „Wie es mit unserem regionalen Bäckerhandwerk weitergeht, haben allein die Konsumenten in der Hand", meint Joachim Michel. Manfred Schüler ergänzt, dass Brot und Brötchen beim traditionellen Bäcker rund 80 Prozent des Umsatzes, also den mit Abstand größten Teil, ausmachen. „Wenn diese Produkte nicht mehr genügend nachgefragt werden, werden wohl einige aufgeben", befürchtet er. Gleichzeitig kündigt er an, ab sofort verstärkt die Öffentlichkeit über die Entwicklungen auf dem Sektor des Bäckerhandwerks zu informieren. Aktionen wie das „richtige Kindergartenfrühstück" sollen fortgeführt werden; ähnliche hinzukommen.

21.01.2010

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