Gersfeld - 23.12.2009Biosphärenreservat Rhön

„In der Landschaft lesen wie in einem Buch“

OBERELSBACH / SANDBERG. In einem Projekt lässt die Bayerische Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats Rhön die historische Kulturlandschaft erforschen, um die Geschichte von Regionen und ihre Entwicklung und Veränderung zu dokumentieren. Das betraf auch die Walddörfer Sandberg, Waldberg, Langenleiten, Schmalwasser und Kilianshof. Die Ergebnisse sind jetzt im 2. Band der „Historischen Kulturlandschaft Rhön" veröffentlicht, der ab sofort im Buchhandel sowie in den Informationsstellen des Biosphärenreservates Rhön „Haus der Langen Rhön" in Oberelsbach und „Haus der Schwarzen Berge" in Wildflecken-Oberbach erhältlich ist.

Die so genannten Walddörfer unterscheiden sich in ihrer Erscheinungsform als langgezogene Straßenangerdörfer auf Bergrücken von allen anderen Dörfern in der Rhön. Dorf und Flur sind planmäßige Anlagen des Würzburger Fürstbischofs Ende des 17. Jahrhunderts. Die 96-seitige Broschüre mit 126 Farbabbildungen im Format DIN A4 will die charakteristische Eigenart der Walddörfer, die enge Verzahnung von Naturvorgabe und Siedlungstätigkeit zeigen. Es dokumentiert die Entwicklung von Dorf und Flur bis heute und enthält neue Lösungsansätze, die sich durch die Lage im Biosphärenreservat Rhön bieten. Verleger Thomas Imhof vom Michael Imhof Verlag in Petersberg und die Autoren stellten es jetzt im Beisein von Thomas Habermann, Landrat des Rhön-Grabfeld-Kreises, sowie von Vertretern der bayerischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats Rhön und des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege vor.

„Wenn man in die Landschaft sieht, könnte man in ihr lesen wie in einem Buch" - so beschreibt die stellvertretende Leiterin der bayerischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats Rhön, Dr. Doris Pokorny, den Begriff der „historischen Kulturlandschaftselemente". „Die Landschaft ist voll mit Spuren menschlichen Wirkens", sagt sie - und so wird schnell deutlich, was alles zu diesen Elementen gehört: die Siedlungen, die Wege, die Feld- und Waldflur, Bildstöcke, Wegekreuze und vieles mehr. Die Kulturlandschaft befinde sich immer im Wandel und sei stets Spiegel der sozioökonomischen Verhältnisse in einer Region.

Wenn es um die Erforschung der historischen Kulturlandschaft geht, so sei - wie im 2. Band über die Walddörfer - viel Alltägliches damit verbunden. „Aber das ist wichtig, weil es Heimat definiert und stiftet und weil es die Region prägt", erklärt Pokorny. Neben dem wissenschaftlichen Interesse, das hinter der Erforschung der Kulturlandschaft steckt, gebe es auch eine Frage „nach vorne", nämlich die, wie dieses Wissen touristisch genutzt werden kann, um die Besucher zu informieren. „Wir sind dankbar, dass sich der Länder übergreifende Beirat des Biosphärenreservats Rhön Ende 2006 dafür ausgesprochen hat, die historische Kulturlandschaft zu dokumentieren. Der Anstoß dazu war vom Fränkischen Freilandmuseum in Fladungen gekommen", erinnerte Pokorny. Der historischen Kulturlandschaft rund um Fladungen sei daher der erste Band dieser Buchserie gewidmet gewesen. Das Forschungsprojekt habe mit Mitteln des bayerischen Umweltministeriums in Auftrag gegeben werden können. 2009 sei die historische Kulturlandschaft in Riedenberg erforscht worden; 2010 soll der Markt Wildflecken folgen, kündigte die stellvertretende Leiterin der bayerischen Verwaltungsstelle an.

Das Buch haben die Autoren Armin Röhrer aus Bamberg, Dr. Thomas Büttner aus Morschen und Jessica Röhlinger aus Erfurt erstellt. Sie befragten vor allem viele Einwohner - auch „Rat der Weisen genannt", die sich gut in der Geschichte der Walddörfer auskennen, sich noch an Begebenheiten aus der Kindheit zurückerinnern können und Überlieferungen ihrer Vorfahren besitzen. „Über die Einbindung der Bewohner haben wir wunderbare Informationen zusammengetragen. Es war auch bewegend, mit ihnen gemeinsam die Landschaft zu erleben", erinnerte sich Dr. Thomas Büttner. Armin Röhrer sagte, dass die Walddörfer einige der letzten Dörfer überhaupt sind, die in Nordbayern gegründet wurden. Bislang sei dort noch keine Flurbereinigung durchgeführt worden; vieles sei daher noch genau erhalten. Röhrer sprach sich dafür aus, die Landschaft um die Dörfer weiter offen zu halten. Die Nutzung habe sich im Vergleich zum Urkataster aus dem 19. Jahrhundert bereits stark verändert: Die Ackerfläche gehe immer mehr zurück; der Waldanteil habe sich hingegen verdreifacht.

„Diese Bestandsaufnahme ist für uns Geld wert", meinte der Bürgermeister der Gemeinde Sandberg, Detlef Beinhauer. Sandberg komme jetzt nämlich in das Dorferneuerungsprogramm - und da wolle man unbedingt auf prägenden Gesichtspunkten der Walddörfer aufbauen. Insofern sei die Dokumentation der historischen Kulturlandschaft das richtige Fundament für die anstehende Sanierung.

Zur Denkmalpflege gehören nicht nur Gebäude oder Bodendenkmäler, sondern auch die Landschaft, hob Dr. Thomas Gunzelmann vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege hervor. „Wir können aber die Aufarbeitung nicht alleine leisten, sondern sind auf Zuarbeit angewiesen. Deshalb ist es gut, wenn sich eine Institution wie das Biosphärenreservat Rhön dieser Aufgabe stellt." Gleichzeitig regte er an, die historische Kulturlandschaft der Rhön geschlossen zu erforschen; eventuell sogar über den bayerischen Teil nach Hessen und Thüringen hinaus. Die Rhön wäre dann die erste Kulturlandschaft überhaupt, die auf eine solch umfassende Gesamtdokumentation schauen könnte.

Der Landrat des Rhön-Grabfeld-Kreises, Thomas Habermann, richtete seinen ausdrücklichen Dank an die Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats Rhön, die mit ihrem Projekt die Vorlage dieses Buches ermöglicht habe. „Eine solche Dokumentation gehört zwingend zum Biosphärenreservats-Gedanken, denn Biosphäre heißt ins Deutsche übersetzt nichts anderes als Lebensraum", sagte er. Das Buch besitze eine sehr gute Qualität, sei wissenschaftlich, „aber trotzdem gut zu lesen." Habermann sprach sich dafür aus, dass jeder Einwohner der Walddörfer dieses Buch lesen sollte, damit ein Erkenntnisprozess einsetze, vor allem was die zukünftige Flächennutzung und die Entwicklung der Dörfer in der Zukunft betrifft.

Diese Karten zeigen: die Landnutzung hat sich sehr stark verändert. Ackerflächen gehen zurück; der Wald breitet sich aus.

 
Der Leiter der bayerischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats Rhön, Regierungsdirektor Michael Geier, erinnerte an die Idee Anfang der 90er-Jahre, rund um die Walddörfer eine großflächige, extensive Beweidung von Flächen einzuführen und die Skepsis diesbezüglich. 2004 bis 2008 sei dieses Vorhaben dann von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert worden. „Heute können wir sagen, dass es etwas genutzt hat. Wir sind an einem Punkt, wo es für das Offenland in den Walddörfern zumindest eine Perspektive gibt. Der Umfang an Ackerland wird wohl nicht zu halten sein, aber vielleicht können wir wenigstens die Wald-Grünland-Grenze in dem Bereich festhalten, wo sie sich jetzt befindet. Das sollte schon unser Ziel sein", betonte Geier. Gleichzeitig wies er auf die Alternativen hin, die sich aus neuen Bewirtschaftungsformen ergeben - bis hin zur Vermarktung hochwertiger regionaler Produkte. „Ich wünsche mir, dass das Buch in allen Haushalten der Walddörfer gelesen wird und hinterher Eselsohren hat", meinte der Leiter der bayerischen Verwaltungsstelle.

Verleger Michael Imhof richtete seinen Dank in erster Linie an die beteiligten Autoren. Es sei ein niveauvolles und fachlich kompetentes Buch entstanden, das sich an jeden richtet, der die Rhön liebt. Es koste 9,95 Euro und sei 1 500 Mal gedruckt worden.

23.12.2009

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