Oberbach - 06.06.2016Biosphärenreservat Rhön

Zweiter Vortrag der Reihe „In der Rhön, für die Rhön“ unter dem Motto „Waschbär“

Nachdem für den ersten Vortrag eine externe Referentin eingeladen wurde, konnte für den zweiten Vortrag der Reihe „In der Rhön, für die Rhön“ im Haus der Schwarzen Berge am vergangenen Donnerstag ein Mitarbeiter der hessischen Verwaltungsstelle des UNESCO-Biosphärenreservats Rhön gewonnen werden.

Joachim Jenrich ist seit über 20 Jahren beruflich im Biosphärenreservat Rhön tätig, seit zwölf Jahren bereits für die hessische Verwaltungsstelle. Dort ist er u.a. für Umweltbildung, Öffentlichkeitsarbeit und die Betreuung der drei Außendienst-Mitarbeiter zuständig. Nebenbei ist der Dipl. Biologe noch freiberuflich als Kartierer unterwegs. Dabei nimmt er beispielsweise in Planungsgebieten für Windenergie Großvogelhorste auf. Zudem kümmert sich Jenrich um die Ausbildung von Jägern.

Kein Wunder also, dass Jenrich das Thema Waschbär ausgewählt hat. Schließlich stellt dieses Wildtier Biologen, Naturschützer und auch Jäger vor neue Herausforderungen. Denn vom hohen Niedlichkeitsfaktor des pelzigen Kleinbären sollte man sich nicht täuschen lassen!

Der Waschbär, der zu den Kleinbären zählt, wird bis zu 80 Zentimeter lang und 9 Kilo schwer. Heimisch ist er eigentlich in Nordamerika. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde er hauptsächlich wegen seines Fells nach Deutschland gebracht. Nachdem in den 1920er Jahren einige Waschbärpaare in Nordhessen und Berlin ausgesetzt wurden bzw. aus Gehegen ausgebrochen sind, gibt es mittlerweile schon über eine halbe Millionen Tiere in Deutschland. Bis zu Beginn der 2000er Jahre blieb die Population des Waschbären in Deutschland auf einem stabilen, niedrigen Niveau. Seit einem Jahrzehnt vermehrt sich der Waschbär jedoch exponentiell. Die Ursache dafür ist bisher unklar. Möglicherweise tragen der Klimawandel und die damit verbundenen, seltener werdenden strengen Winter dazu bei, die bisher die Waschbärpopulation natürlich reguliert haben.

Mehr Waschbären heißt zum einen ein Vordringen in neue Regionen, wie z.B. auch in das Biosphärenreservat Rhön. Im hessischen Teil der Rhön wird der Kleinbär bereits häufig gesichtet. Manche Jäger treffen in ihrem Revier auf bis zu 40 Tiere pro Jahr. Einige der Zuhörer bestätigten auch das Ankommen der Art im bayerischen Teil der Rhön. Zum anderen bedeuten mehr Waschbären ein Anstieg der Populationsdichte. In freier Wildbahn werden üblicherweise Dichten von 10 Tieren pro Quadratkilometer erreicht. In städtischen Räumen können ganz andere Hausnummern erreicht werden. In den Kernverbreitungsgebieten in Deutschland, den Großstädten Nordhessens und Berlin, steigerten sich die Waschbärdichten auf bis zu 120 Tiere je Quadratkilometer. Das Maximum ist damit noch nicht erreicht. In kanadischen Großstädten sind 150 Bären pro Quadratkilometer keine Ausnahme. Möglich wird dies durch das komplexe Sozialverhalten des Waschbärs: er kann sowohl als Einzelgänger als auch ganzjährig in großen Sippen leben.

Waschbären sind ziemlich bequem und fressen, was sie finden können. In der freien Wildbahn ernährt sich der Allesfresser von Samen, Früchten, Insekten, Würmern, Amphibien, Fischen oder auch Eier und Jungvögel. Gerade die beiden letztgenannten Futterquellen lassen jedoch Konflikte mit dem Vogelschutz entstehen. Wie auch Katzen, Füchse oder andere Prädatoren können sie den Bruterfolg reduzieren. Bisherige Studien konnten allerdings keinen Wirkungszusammenhang zwischen der wachsenden Anzahl Waschbären und dem Aussterben von Vogelarten erkennen. Der Waschbär hat also keinen Einfluss auf die Populationen, z.B. von Großvögeln, wie dem Schwarzstorch oder dem Rotmilan.

In der Zivilisation nutzt der Waschbär gerne das, was der Mensch ihm „bietet“, sogar Nahrungsreste aus Mülltonnen. Zum Plagegeist kann der intelligente Kleinbär dann werden, wenn er herausfindet, wie man sich direkt am Kühlschrank bedient und er Unterschlupf im Dachboden oder im Gartenhäuschen findet. Durch ihre hohe Intelligenz können Waschbären selbst Schlösser geschickt öffnen.

Mit ihren nackten Pfotenunterseiten und der Fähigkeit zu greifen, gestaltet sich für Waschbären nicht nur die Nahrungssuche einfach. Es ermöglicht dem Tier auch gewagt Klettermanöver. Glatte Regenrinnen, überstehende Dachvorsprünge oder dünnes Geäst in Baumkronen sind kein Problem. „Abwehrvorrichtungen, wie Manschetten oder Drahtgeflechte“, so Jenrich, „stellen für den Waschbär oft sogar eher Kletterhilfen als Hindernisse dar“.

Haben sie einmal etwas gelernt, behalten Waschbären dies nicht nur, sie geben ihre Kniffe und Tricks aus bis zu 20 Jahren Lebenserfahrung weiter. Bereits in der Kinderstube nimmt die Fähe ihren Nachwuchs auf der Nahrungssuche in die Lehre.

Das breite Nahrungsspektrum, das variable Sozialverhalten und die hohe Intelligenz ermöglicht dem Waschbären eine hohe Anpassungsfähigkeit. Damit gelingt es dem Waschbär als Kultur- und Zivilisationsfolger sich auch in menschlichen Siedlungen breitzumachen. Dass der Waschbär auch in der Rhön „heimisch“ wird, steht für Jenrich außer Frage. Sowohl in der Natur als auch in Siedlungen.

Beim Kontakt mit Waschbären ist dabei Vorsicht geboten. Nicht nur Hunde sollten sich vor den scharfen Krallen des Kleinbären hüten. Die Ausscheidungen der Waschbären können zudem die Eier des Waschbärspulwurms enthalten. Dieser Parasit kann auf den Menschen überspringen und gefährliche Komplikationen auslösen. Aber selbst aus den Waschbär-Hochburgen in amerikanischen Großstädten sind nur eine Handvoll solcher Fälle aktenkundig. „Aber sicher, ist sicher“, schließt Jenrich seinen interessanten Vortrag.

Der nächste Vortrag der Reihe „In der Rhön, für die Rhön“ findet am Freitag, den 04.11.2016, ab 19 Uhr in Oberelsbach statt. Dieses Mal wird eine Studentin über die Ergebnisse ihrer Master-Arbeit berichten. In Kooperation mit dem Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung Müncheberg (ZALF) und der bayerischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats hat Sarah Diem verschiedene Landwirtschaftsszenarien hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit bewertet.

06.06.2016

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Waschbär mit seiner typischen schwarzen Gesichtsmaske (Foto: Medienzentrum Fulda)

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