Oberbach - 15.04.2016Biosphärenreservat Rhön

Gelungener Auftakt der Vortragsreihe „In der Rhön, für die Rhön“

Am vergangenen Dienstag startete die Vortragsreihe „In der Rhön, für die Rhön“. Knapp 40 Zuhörer lauschten dem Vortrag über Wildverbiss von Dipl. Landschaftsökologin Bettina Ohse (Universität Leipzig) im bayerischen Infozentrum "Haus der Schwarzen Berge" (Oberbach).

Die hohe Besucherzahl zeigt, dass Wildverbiss auch in den Laubmischwäldern der Rhön ein brisantes Thema ist. Denn Verbiss durch Rehwild kann das Wachstum von Laubbaumarten erheblich beeinträchtigen. Oft führt dies bereits im Verjüngungsstadium zum Ausfall einiger Baumarten und damit zu einem Rückgang der Baumartenvielfalt.

In ihrem Vortrag betrachtete Frau Ohse das Thema Wildverbiss nicht aus der Sicht des Menschen, sondern wählte zwei eher ungewöhnliche Perspektiven. Sie nahm zum einen den Blickwinkel der Rehe und zum anderen den der Bäume ein. So gestaltete Frau Ohse den Abend kurzweilig und interessant, auch für Laien.

Um sich in Rehe hinein versetzen zu können, wertete Frau Ohse Forstinventurdaten aus dem Nationalpark Hainich aus. Dies ergab, dass dem Reh die Eiche besonders gut schmeckt. „Da nützt es der Eiche auch nichts, sich zwischen Buchen zu verstecken“, scherzte die Referentin. „Denn das Reh pickt sich gerade dann zwischen den ihm weniger gut schmeckenden Buchen die Eiche gezielt heraus“. Die größte Chance für alle Schösslinge ungestört wachsen zu können, besteht, wenn möglichst viele verschiedene Baumarten ringsherum stehen. Denn in diesem Fall „vergreift“ sich das Reh nicht nur an einer Art, sondern „nascht“ von allen.

Anschließend widmete sich Frau Ohse der Perspektive der Bäume. Sie wollte herausfinden, ob und wie Bäume auf Rehwildverbiss reagieren. Dazu führte sie ein Feldexperiment durch, für das sie 800 Bäumchen (insgesamt 24 verschiedene Baumarten) pflanzte, um Wildverbiss zu simulieren. „Dann habe ich Reh ‚gespielt‘. Das heißt, ich war mit Schere und Pipette unterwegs und habe per Hand Knospen abgeschnitten und bei einem Teil der Bäume zusätzlich noch Rehspeichel aufgetragen“, erzählte die Referentin aus ihrem Alltag der letzten Jahre. Zwei Wochen nach der Verbiss-Simulation führte Frau Ohse chemische Auswertungen von Blattinhaltsstoffen ihrer Bäume durch. Dabei stellte sie fest, dass Bäume unterscheiden können, ob eine Knospe von einem Reh verbissen oder anderweitig abgebrochen wurde.
Wie die Bäume reagieren, fällt unterschiedlich aus. Manche Baumarten zeigen nur eine physikalische Reaktion. Sie versuchen z.B. schneller in die Höhe zu wachsen oder sich dichter zu verzweigen. Andere wehren sich mit tatsächlich durch das Bilden von chemischen Stoffen, wie Gerbstoffe (Tannine). Damit „versuchen“ Bäume bitterer zu schmecken, um das Reh von weiterem Verbiss abzuhalten.

Die Frage, wie man einen Forst nun am besten gestaltet, so dass die Naturverjüngung nicht vom Rehwild beeinträchtigt wird, bestimmte die an den Vortrag anschließende Frage- und Diskussionsrunde. „Dazu“, so Frau Ohse, „sind leider noch zusätzliche Studien notwendig“. In ihren Untersuchungen musste sie beispielsweise mangels vorhandener Daten bewusst auf den Einbezug mancher wichtiger Aspekte, von denen Verjüngung und Wildverbiss abhängen, verzichten, wie relative Baumhäufigkeit, Lichteinfall oder Wildbejagung. Ihre Ergebnisse bilden also zunächst einen ersten Beitrag zu einem besseren Verständnis der Zusammenhänge zwischen Verbiss und Baumartenvielfalt.

Dass Wildverbiss auch im UNESCO-Biosphärenreservat Rhön ernst genommen wird, zeigt das Ausweisen von Weiserflächen. Dabei werden etwa 10 × 10 Meter große Zäune um Baumschösslinge gesetzt. So sollen Rehe und Rotwild vom Verbiss abgehalten werden.

Der nächste Vortrag der Reihe "In der Rhön, für die Rhön" wird in etwa zwei Monaten an einem Donnerstag Abend stattfinden. Datum und Thema werden rechtzeitig bekannt gemacht.

15.04.2016

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Ein Beispiel für Verjüngung: Buchenaufwuchs in der Kernzone Schlossberg (Foto: Uwe Steigemann)

Wildverbiss an einer Esche (Foto: Bettina Ohse)

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