Eine „frustrierende“ Schulstunde

Fünftklässler schuften eine Schulstunde lang unter Kinderarbeitsbedingungen

Mit dem ökologischen Fußabdruck hatte sich die fünfte Ganztagsklasse an der Mittelschule Bad Neustadt schon beschäftigt. Mit der Reise eines T-Shirts um den Globus auch. Bälle hatten die Schüler auch schon für das Weltklima gefilzt. Und auch das nächste Thema im Projekt „Nachhaltiger Konsum" brachte sie zum Nachdenken.

Genau 38 Streichhölzer müssen in die Packung. 38, nicht mehr und nicht weniger. Stimmt die Anzahl, die selbstverständlich streng kontrolliert wird, gibt es einen Cent. Stimmt die Anzahl nicht, gibt es auch nichts.

In vielen Ländern der so genannten dritten Welt, aber auch in aufstrebenden Exportnationen gibt es Kinderarbeit zuhauf. Nach Schätzungen der WHO werden weltweit mehr als 300 Millionen Kinder zur Arbeit gezwungen, anstatt die Schulbank zu drücken. Die Kinder müssen Jeans oder T-Shirts nähen, Turnschuhe zusammensetzen oder auf Baumwollplantagen arbeiten.

Das dies ungerecht, unterbezahlt und für die Kinder einfach nur furchtbar ist, demonstrierten die beiden Projektleiterinnen Eva Kalla und Jiska Troppenz gemeinsam mit Sozialpädagogin Anke Marstaller in einer nach eigener Aussage „frustrierenden Schulstunde" für die Fünftklässler. Die mussten nämlich neben Streichhölzern zählen auch Knöpfe annähen. Doch nur, wer den Knopf hübsch angenäht hatte, der bekam auch seinen Lohn. Zwei Cent für ein Zweilochknopf, vier für einen Vierlochknopf. Bei der Bewertung was hübsch und was nicht hübsch ist, waren die beiden Projektleiterinnen mal so richtig fies und ließen die Lohnforderungen der Schüler immer wieder abblitzen.

„Das ist ja voll unfair!", beschwerte sich eine Schülerin bei der Abgabe ihrer Arbeit lauthals. Genau das wollten Jiska Troppenz und Eva Kalla ja deutlich machen. Kinderarbeit ist unfair. Was die Schüler mal am eigenen Leib erfahren durften. Einige arrangierten sich mit ihrem nachmittäglichen Schulstundenschicksal und verdienten ihre Cents, die sie dann in Form von Kaubonbons durch Anke Marstaller ausgezahlt bekamen. Andere hatten am Ende der Stunde nicht einen einzigen Cent verdient. Im wahren Leben wäre das eine Katastrophe für das Kind und seine Familie gewesen.

Text: Stefan Kritzer

Zurück zur Übersicht

Foto: Anand Anders

Unsere Sponsoren

Weitere Sponsoren