RHÖN. Das UNESCO-Biosphärenreservat Rhön hat sein 20. Jubiläum in Gersfeld gefeiert - und zwar unter anderem mit einer Regionalkonferenz, auf der rund 300 geladene Teilnehmer über ein Perspektivpapier diskutierten, in dem die Entwicklung für die nächsten zehn Jahre festgehalten werden soll. Dabei wurde deutlich, dass in einzelnen Bereichen wohl durchaus noch längerer Diskussionsbedarf besteht.
Zunächst gehörte der Tag denjenigen, die Grußworte an die Teilnehmer der Regionalkonferenz zu überbringen hatten. Unter ihnen waren Hessens Ministerin für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Lucia Puttrich, Thüringens Minister für Landwirtschaft, Forsten, Umwelt und Naturschutz Jürgen Reinholz, der Amtschef des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Gesundheit Wolfgang Lazik sowie Dr. Frauke Druckrey vom deutschen Nationalkomitee für das Programm der UNESCO „Der Mensch und die Biosphäre".
„Die Rhön ist einzigartig", sagte die hessische
Umweltministerin und meinte damit auch die Erfolge der vergangenen 20 Jahre. Allerdings bedeute die Arbeit in einem Biosphärenreservat das Bohren dicker Bretter, denn ökonomische, ökologische und soziale
Interessen müssten stets und immer wieder ausgeglichen werden. „Was die Kernzonen-Ausweisung betrifft, habe ich keinen Grund zu zweifeln, dass es gelingt", sagte Lucia Puttrich.
Ministerialdirigent Wolfgang Lazik sah die Zukunft des Biosphärenreservats Rhön ebenfalls optimistisch. „Das Kernzonendefizit werden wir abarbeiten, auch wenn es eine Herkulesaufgabe ist", sagte er. Thüringens Umweltminister Jürgen Reinholz erklärte, dass das Biosphärenreservat Rhön anderen Regionen vorlebe, wie Naturschutz und wirtschaftliche Entwicklung miteinander in Einklang gebracht werden können. Bis 2013, kündigte er an, werden im Thüringer Teil rund 700 Hektar weiterer Kernzonen ausgewiesen sein.
Dr. Frauke Druckrey wunderte sich ein wenig, dass das Thema der Kernzonen im Biosphärenreservat Rhön derart intensiv diskutiert werde. „An den drei Prozent Mindestfläche ist nicht zu rütteln",
machte sie deutlich. Das sei nun einmal die internationale Vorgabe für Biosphärenreservate.
Das Perspektivenpapier für das Biosphärenreservat Rhön umfasst die Bereiche nachhaltige Entwicklung, Natur und Umwelt, Land- und Forstwirtschaft, erneuerbare Energien und Klimaschutz sowie die Bildung für nachhaltige Entwicklung. Gewissermaßen als Einstimmung darauf gab es drei verschiedene Vorträge, die Teile der Themenschwerpunkte beleuchteten.
Auf den schleichenden Nutzungswandel innerhalb der Agrarstruktur der Rhön machte Prof. Eckhard Jedicke aus Bad Arolsen aufmerksam, der in der Rhön bereits viele Projekte im Bereich Landwirtschaft und Naturschutz betreute und wissenschaftlich begleitete. Das Grünland werde intensiver genutzt als früher; hinzu kämen der Bio-Energie-Boom, Nährstoffeinträge aus der Atmosphäre, eine intensivierte Ackernutzung und reduzierte Fruchtfolgen. Nahezu überall sei eine Abnahme des Rinderbestandes zu beobachten: im Rhön-Grabfeld-Kreis sei dieser um 31 Prozent, im Landkreis Bad Kissingen um 16,7 Prozent gesunken - und das in nur 13 Jahren. Hingegen steige der Schweinebestand - beispielsweise im gleichen Zeitraum um 47,7 Prozent im Rhön-Grabfeld-Kreis. In vielen Regionen, auch in der Rhön, sei aufgrund der Energiewende eine „Vermaisung" der Landwirtschaftsfläche zu beobachten, was zur Strukturverarmung, zunehmender Bodenerosion, einem Verlust der Blütenbestäuber und letztlich zum Sorten- und Artensterben beitrage. Die Erhaltung der Landschaft, sagte Jedicke, sei aber ein wichtiger Indikator gerade für den Tourismus und die Regionalentwicklung.
Gleichzeitig wies Jedicke darauf hin, dass das Rahmenkonzept für das Biosphärenreservat Rhön inzwischen 17 Jahre alt ist. „Das kann nicht mehr als Planungsgrundlage dienen. Gerade der Landnutzungswandel braucht eine Steuerung", unterstrich er. Das neue Rahmenkonzept dürfe nicht am „grünen Tisch" entschieden werden, sondern müsse von den Hauptakteuren der Region und allen Bewohnern ausgehen. Jedicke regte an, in Zukunft ein „Regionalförderzentrum" aufzubauen, und zwar als unabhängige Organisation zu den Verwaltungsstellen des Biosphärenreservats Rhön. Dieses müsse Förderprogramme auswerten, die Antragstellung für Förderungen koordinieren und vor allem Neues ausprobieren, beispielsweise alten Kultursorten wieder vermehrt eine Chance auf den Äckern der Rhön geben. „Wenn jedes Bundesland pro Jahr eine halbe Million Euro für dieses Zentrum zur Verfügung stellt, dann könnte mit den so zustande kommenden rund 1,5 Millionen Euro eine Menge bewegt werden", meinte Jedicke. Einen Kostenvergleich mit dem geplanten Bau der B 87n konnte er sich in diesem Zusammenhang nicht verkneifen: diesbezüglich würde man schließlich von 242 Millionen Euro sprechen.
Kritik am Rhön-Tourismus übte Dieter Popp, Geschäftsführer von „Futour", der Anfang der 90er-Jahre maßgeblich am Aufbau der hessischen Verwaltung für das Biosphärenreservat Rhön beteiligt war. „Die Rhön schafft es nicht, sich im Tourismus auf eine Pole-Position zu bringen." In der Eifel sei das zwischen zehn Landkreisen und zwei Ländern gelungen, im Harz zwischen sieben Landkreisen und drei Ländern. Popp fand jedoch auch lobende Worte für die Entwicklung des Biosphärenreservats Rhön in den letzten 20 Jahren - die Rhöner Apfelinitiative, die Erhaltung des Rhönschafs und solche Firmen wie Bionade oder tegut... stünden stellvertretend für viele andere.
Michael Diestel vom Bayerischen Bauernverband Rhön-Grabfeld stellte die zahlreichen Energieprojekte in der bayerischen Rhön vor, die alle nach dem Raiffeisen-Prinzip auf der Grundlage verschiedener Genossenschaften funktionieren. In den fünf Rhönlandkreisen gebe es ein ungefähres Vermögen von rund 39 Milliarden Euro. „Damit können wir den ländlichen Raum entwickeln." Es gehe darum, zur Realisierung einzelner Energieprojekte immer möglichst viele Menschen zu gewinnen, die sich finanziell einbringen. Diestel regte an, dass das Biosphärenreservat Rhön dazu eine spezielle Kampagne startet. Mit Hilfe von Regionalinitiativen könnten auch in anderen Bereichen lokale Gelder in lokale Wirtschaftskreisläufe geleitet werden, beispielsweise bei Honig, in der Fischzucht oder beim Ausbau von Breitbandnetzen.
Während der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Aussagen im Perspektivpapier und in den drei Vorträgen wohl die richtigen Bereiche angesprochen haben. Gemeinsam mit den drei Referenten standen hier die drei anwesenden Rhön-Landräte Thomas Habermann (Rhön-Grabfeld-Kreis), Bernd Woide (Landkreis Fulda) sowie Reinhard Krebs (Wartburgkreis) als Ansprechpartner zur Verfügung. Zunächst gab es zahlreiche Wortmeldungen, auch aus dem Teilnehmerkreis der Regionalkonferenz, zum Thema B 87n. Landrat Woide sprach hierbei von einem Zielkonflikt zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Naturschutz und schlug vor, sich Zeit zu nehmen, um miteinander zu diskutieren. Reinhard Krebs meinte, dass es bei der B 87n einen Kompromiss geben werde. Kritik kam hingegen erneut von Prof. Eckhard Jedicke: Es könnten noch so viele Ausgleichsmaßnahmen für den Bau der B 87n vorgesehen werden - all diese könnten den Eingriff in das Biosphärenreservat Rhön nicht wieder gut machen. „Wir sollten die Lehre aus Stuttgart 21 ziehen und daher jetzt ein Mediationsverfahren starten", sagte Jedicke.
Während der Diskussion wurde wiederholt das Thema Tourismus aufgegriffen. „Der Tourismus ist der Bereich, wo wir am wenigsten gut zusammenarbeiten. Da ist das Kirchturmdenken noch zu sehr ausgeprägt; es fehlt auch die Vertrauensbasis zwischen den einzelnen Personen", meinte beispielsweise Landrat Thomas Habermann. Aus dem Publikum wurde angemerkt, dass im Tourismus oft nur mit dem Rhönschaf geworben werde. Die Kulturund die kulturellen Möglichkeiten der Region kämen viel zu kurz - und das, obwohl die Rhön eine Gegend sei, in der es oft schlechtes Wetter gibt. Der Geschäftsführer der Tourismus GmbH Bayerische Rhön, Michael Pfaff, sagte, dass Kritik am Rhön-Tourismus sicher zum Teil berechtigt sei. Allerdings könnte gerade von Seiten des Biosphärenreservats Rhön mehr Unterstützung für touristische Vorhaben kommen.
Teils konträre Meinungen gab es auch in punkto alternative Energiegewinnung. Während Dieter Popp die Ansicht vertrat, dass man nur versuchen müsse, Naturschutz, touristische Attraktivität und Energieerzeugung auf ein und derselben Fläche hinzubekommen, konnte Landrat Habermann diese Auffassung nicht ganz teilen. „Zunächst müssen wir sehen, wo können wir Energie einsparen. Dann müssen wir untersuchen, wie wir die Effizienz steigern können. Erst dann kommt die dritte Frage, nämlich die nach Flächen für alternative Energie. Aber gerade die ersten beiden Fragen sind für ein Biosphärenreservat sehr wichtig."
01.05.2012 bis 31.05.2012 - 10:00 Uhr bis 16:00 Uhr
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