BAD KISSINGEN. Etwa 100 kulturbegeisterte Wander- und Rhönfreunde hatten sich im neuen Tagungshaus, dem Heiligenhof bei Bad Kissingen, zur 46. Hauptkulturtagung des Gesamt-Rhönklubs eingefunden. Thema war in diesem Jahr die Kulturgeschichte des Essens und Trinkens.
Aus
der Zeit des Mittelalters seien wenige Aussagen über die
Essensgewohnheiten der Unterschicht, also der einfachen Leute, bekannt, sagte
Referentin Dr. Marina Scheinost aus Bamberg. Erst im 18./19. Jahrhundert habe
sich die Volkskunde mit diesem großen Thema befasst. Im Mittelalter habe es
„Herrenspeise" und „Bauernspeise" gegeben. Im Allgemeinen seien Nahrungsmittel
knapp gewesen und etwa 80 Prozent des Einkommens seien für die Nahrung
ausgegeben worden. Ein Problem war die Aufbewahrung von Nahrungsmitteln. Gewürze
hätten manches „übertönt". Trinkwasser war knapp, deshalb wurde in der
Oberschicht viel Wein getrunken, der allerdings nur einen geringen
Alkoholanteil hatte. Geschlachtet worden sei im Herbst, weil dann dieses Tier
nicht mehr über den Winter gefüttert werden musste. Außerdem war die
Verarbeitung des Fleisches in der kalten Jahreszeit einfacher, auch die
Aufbewahrung. Interessant waren die Aussagen über den Zuckerverbrauch. Im
Mittelalter habe ein Haushalt pro Jahr etwa 22 Pfund Zucker verbraucht - heute
liege der Verbrauch bei 35 kg pro Person.
Der Vortrag von Heinrich Hacker vom
Freilandmuseum Fladungen befasste sich mit der „Ernährung der Rhöner nach alten
Aufzeichnungen". Er stellte zunächst fest, dass es in vielen Dörfern und
Gemeinden kein Gasthaus mehr gebe. Viel an Althergebrachtem sei mit der Aufgabe
der Wirtshäuser verloren gegangen. In der Vergangenheit habe man nur das
verzehrt und zubereitet, was in den Gärten gewachsen sei. Das Angebot war also
von der Jahreszeit abhängig. Die langen Winter und kurzen Sommer in der Rhön und
damit die entsprechende Vegetationszeit mussten berücksichtigt werden.
Hungersnöte und Missernten seien zu verkraften gewesen. Er konnte Beispiele aus
Frankenheim auf der Rhön anführen, wo die Bewohner bis auf die Knochen
abgemagert gewesen seien und sogar Gras essen mussten. Im Jahr 1850 waren die
Kartoffeln missraten. Es gab nur Heu und Grummet als Nahrung. Die Rhön sei
1875/76 in ganz Deutschland bekannt geworden, weil durch eine Hungersnot in
Frankenheim 120 Einwohner an einer Typhus-Epidemie erkrankt waren. Viel Kraut
sei früher verzehrt worden. In den Walddörfern habe es so genannte Krautlöcher
gegeben, in denen im Garten ganze Krautköpfe vergraben worden seien. Fleisch
sei nur an Sonn- und Feiertagen auf den Tisch gekommen. Feste wie Taufen und
Hochzeiten, auch Tröster, seien dagegen immer groß gefeiert worden. Der Schnaps
habe dabei stets eine große Rolle gespielt.
In seinem Vortrag bedauerte der aus
Dettelbach angereiste Dr. Reinhard Worschech, dass kaum noch Tradition gelebt
werde. In den Kaufhäusern begänne Weihnachten gleich kurz nach Ostern. Und der
Aschermittwoch, der 1. Fastentag also, begänne bei den Politikern mit riesigen
Maßkrügen. Früher habe es die Krapfen nur an Fastnacht gegeben, heute gebe es
sie in jedem Bäckerladen und Kaufhaus das ganze Jahr über. Auch in der Rhön
habe sich in den letzten 50 Jahren viel verändert. Wo wird heute noch fränkisch
gekocht? Im Fernsehen gebe es Kochshows im Überfluss. Das Traditionelle aber
sei vielfach verloren gegangen. Erhalten habe sich allerdings der Brauch, dass
es an Neujahr Sauerkraut und Bratwurst gebe.
Der Sonntag begann mit einem Vortrag
von Rhönklubpräsidentin Regina Rinke zum Thema „Gutes aus der Klosterküche".
Sie berichtete von den Anfängen des guten Essens in den Klöstern des
Mittelalters. Sie lagen oftmals an Pilgerwegen, denn das Pilgern zu den
Heiligen Stätten war sehr beliebt. Der Grundstein zu den Klostergründungen war
von dem Heiligen Benedikt im 6. Jahrhundert gelegt worden. Er hatte als
Gegenpol zu dem ausschweifenden Leben „im alten Rom" zu einem anderen Leben
aufgerufen. Maxime war die christliche Nächstenliebe. Viele Jahre später habe
auch der Heilige Franziskus den Orden der geringeren Brüder gegründet. Überall
sei es zu Klostergründungen gekommen, auch in der Rhön. Viele gute Rezepte
seien aus den Klöstern überliefert und später in die ersten deutschen
Kochbücher übernommen worden. Die Klöster hätten eine große Bedeutung erlangt,
denn der Klostergarten habe Kräuter gegen Krankheiten und für die Küche
geliefert. Gleich neben den Klöstern seien Apotheken und Spitäler gebaut
worden. Die Klosterköche haben oftmals königliche Gäste empfangen und reichlich
mit den besten Speisen bedient. Alte Aufzeichnungen liefern interessante
Einblicke in derlei Festtage. Nach der Säkularisation habe es ein
Klostersterben gegeben, denn die Mönche seien vertrieben worden. Klöster seien
zu Lazaretten, Lebensmittellagern oder Pferdeställen missbraucht worden. Und
dennoch hätten die Orden überlebt und könnten heute noch zahlreich Gutes an
Alten und Kranken sowie Gebrechlichen und Hungernden tun. Die Geschichte des
„Guten aus der Klosterküche" sei noch nicht zu Ende.
Jürgen Krenzer vom Familiengasthof
„Zur Krone" in Seiferts berichtete
ausführlich über seinen Werdegang zum „besonderen" Gastwirt der Rhön. Über den
Fortbestand des über 100 Jahre alten Gasthofes habe es Auseinandersetzungen mit
seiner Mutter gegeben, und deshalb sei er nach Hamburg „ausgewandert". Ein
Hilferuf seiner Mutter habe ihn zurückgeholt. Gegen Mutter und Oma habe er sich
durchgesetzt mit seiner Idee, etwas „aus der Reihe zu tanzen". Viele Ideen seien ihm gekommen:
die Vermarktung des Rhön-Schafes als etwas Besonderem, die Verwertung und damit
Aufwertung des Rhöner Apfels, der Erhalt alter Rezepte aus Omas Kochbuch wie Spatzeklöß,
der Umbau des Hauses unter Verwendung heimischer Hölzer und Handwerker und die
Übernachtung in einem Schäferkarren. In seiner Küche würden nicht nur die
Filetstücke des Tieres verwendet - er bietet Speisen aus jeglichem Fleisch
eines Tieres an, auch Gerichte aus Hackfleisch.
01.02.2012 bis 27.02.2012 - 10:00 Uhr bis 16:00 Uhr
11.02.2012 bis 12.02.2012 - 09:30 Uhr bis 12:30 Uhr
12.02.2012 - 15:00 Uhr bis 17:00 Uhr
15.02.2012 18.00 bis
17.02.2012 - 17:00 Uhr