Wasserqualität, Abflussdynamik und Strukturausstattung,
d.h. der Zustand von Gewässersohle, Ufer und Aue, bestimmen die ökologische Funktionsfähigkeit
und damit die Lebensbedingungen in und an unseren Gewässern. Sie können durch
wasserbauliche Maßnahmen verschiedener Art verändert werden. Veränderungen der
natürlichen Struktur sind zwangsläufig mit Veränderungen der Artenausstattung
und der Wasserqualität verbunden.
Abflussdynamik und Strukturausstattung
spielen wesentliche Rolle für die ökologische Funktionsfähigkeit der Gewässer.
Die Fließgewässer im Biosphärenreservat Rhön sind
mit ihren Mäandern, Gehölzsäumen und vorwiegender Grünlandnutzung in der Aue recht
natürlich geblieben. Auwälder sind jedoch meist nur noch rudimentär als schmale
Galeriewälder z .B. in Form uferbegleitender Erlenwälder erhalten geblieben.
Die Gewässerstrukturkartierung hat die Aufgabe, den
strukturellen Zustand und die Funktionsfähigkeit von Bächen und Flüssen einschließlich
ihrer Auen zu bewerten und den Handlungsbedarf aufzuzeigen. In allen drei am Biosphärenreservat
beteiligten Ländern wurden in den letzten Jahren Gewässerstrukturkartierungen
durchgeführt. Die Kartiermethoden entsprachen den Vorgaben der Länderarbeitsgemeinschaft
Wasser (LAWA).
In Hessen wurde für alle Gewässer mit einer Breite von mind. 0,5 m eine Vor-Ort-Kartierung
in 100 m-Kartierabschnitten vorgenommen
[x].
Es wurden sechs Hauptparameter (Laufentwicklung, Längsprofil, Sohlenstruktur,
Uferstruktur, Querprofil und Gewässerumfeld) mit 27 Einzelparametern erfasst,
die zu einem Gesamtindex aggregiert werden. Diese Daten werden im Gewässerstrukturgüteinformationssystem
(GESIS) gehalten, auf dessen Grundlage die Gewässerstrukturgütekarte Hessen 1999
erstellt wurde.
In Thüringen und Bayern kam das LAWA-Übersichtsverfahren
[xi]
mit Bewertungsabschnitten von 1-km Länge zur Anwendung. Bewertet wurden nur ausgewählte,
i.d.R. größere Gewässer. Die Einstufung greift auf vorhandene, z. T. auch luftbildgestützte
Daten zurück und ergänzt diese - wenn erforderlich - durch Geländestichproben.
Ergänzend kommen in Bayern aktuelle „Vor-Ort-Daten“ aus Gewässerentwicklungsplanungen
hinzu.
Die Bewertung der Gewässerstruktur orientiert sich in beiden Verfahren am „potenziell
natürlichen Zustand“ des Gewässers. Dieser beschreibt einen Zustand, in dem das
Gewässer nicht (mehr) durch regelnde Eingriffe und Bauten beeinflusst ist. Dieser
Bewertungsansatz entspricht der Philosophie der EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL).
Die Ergebnisse der Gewässerstrukturkartierung werden sieben Strukturklassen zugeordnet
(vgl. Tab. 71). Sie dienen den für
Pflege, Unterhaltung und Ausbau zuständigen Stellen als Arbeitshilfe zum Schutz
bisher noch wenig veränderter Fließgewässer und zur Verbesserung der deutlich
veränderten bis vollständig veränderten Gewässerabschnitte.
Entsprechend der unterschiedlichen Erfassungsdichte der Kartierung liegen rund
55 % der kartierten und bewerteten Fließstrecken im hessischen Teil des Biosphärenreservats,
nur ca. 25 % im bayerischen und rund 20 % im thüringischen.
Die Koordination der Inhalte und Bewertungsansätze der Verfahren durch die LAWA
gewährleistet eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse – zumindest bei nicht zu kleinräumiger
Betrachtung. Ein länderbezogener Vergleich innerhalb des Biosphärenreservats ist
wegen der ungleichen Erfassungsdichte aber nicht
sinnvoll.
Datenhalter:
BY: LfU,
HE: HLUG
TH: TLUG
Datenquelle:
BY, TH: Übersichtsverfahren
HE: Vor-Ort-Verfahren
räumlich: DWGN 25
zeitlich:
BY, TH: Stand 2001
HE: Stand 1999
Datenlücken:
Gewässerabschnitte in Bayern und Thüringen nicht bzw. nicht detailliert
Hochwasserschutz von Siedlungen und Verkehrswegen,
Wasserkraftnutzung (auch auf der Basis historischer Mühlen) und Landwirtschaft
waren und sind die treibenden Kräfte für den Gewässerausbau und die folgende regelmäßige
Unterhaltung, die letztlich für die Strukturdefizite verantwortlich sind.
Die Verteilung der Gewässerstrukturklassen im Biosphärenreservat (s. Abb.
80 und Abb. 81) zeigt mit einem eindeutigen Schwerpunkt bei den Klassen 3 und 4 insgesamt deutlich günstigere
Verhältnisse als im bundesweiten Durchschnitt. Die beiden besten Klassen treten
häufiger auf, sehr starke bzw. vollständige Veränderungen (6 und 7) deutlich seltener.
wesentlich günstigere Verhältnisse
der Gewässerstruktur als im bundesweiten Durchschnitt
Die Gewässerstruktur in der Rhön zeigt ein Bild,
wie es für vergleichsweise dünn besiedelte Mittelgebirgslandschaften typisch ist.
Der Nutzungsdruck auf die Gewässer ist geringer als in Zentren von Siedlung und
Industrialisierung oder in standortbegünstigten, intensiven Agrarlandschaften.
Die Gewässerstruktur ist daher im Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt günstiger.
An ca. 15 % der Gewässerstrecken ist die Gewässerstruktur gegenüber dem potenziell
natürliche Zustand nicht oder nur gering verändert. Weitere 28 % gelten als
mäßig verändert. Über 50 % der Gewässerstrecken in der Rhön sind allerdings
als deutlich bis vollständig verändert einzustufen und erreichen die mindestens
angestrebte Strukturklasse 3 nicht.
Bewertungsergebnis zur Gewässerstruktur
typisch für dünn besiedelte Mittelgebirgs-
landschaften
Somit besteht auch im Biosphärenreservat Rhön erheblicher
Handlungsbedarf hinsichtlich der Verbesserung der Gewässerstrukturen durch nachhaltige
Gewässerentwicklung. Dieser stützt sich sowohl auf das Wasserhaushaltsgesetz bzw.
die Wassergesetze der Länder als auch auf die Wasserrahmenrichtlinie.
Zunächst gilt es natürlich, die unveränderten bzw. gering veränderten Strecken
zu erhalten und vor Beeinträchtigungen zu schützen. Der große Anteil der Strukturklasse
drei (28 %) bietet darüber hinaus ein großes Potenzial an Strecken, die in
einfacher Weise wieder in einen naturnahen Zustand gebracht werden können. Eingriffe
erfolgten hier eher kleinräumig und können mit relativ geringem Aufwand beseitigt
werden.
Die stärker renaturierungsbedürftigen Strecken der Klassen 4 bis 7 haben ihren
Schwerpunkt im Biosphärenreservat im Bereich der Strukturkasse 4; hier bieten
sich insgesamt ebenfalls günstigere Voraussetzungen für Strukturverbesserungen
als in den meisten anderen Landschaftsräumen
[xii].
trotz vergleichsweise günstiger
Situation weiterer Handlungsbedarf
Zwischen 2003 und 2007 wurde
im Rahmen des Projekts „Rhön im Fluss“
[xiii] die Gewässerstruktur der Fließgewässer Ulster,
Streu und Brend optimiert. Außerdem beinhaltete das Projekt gezielte Maßnahmen
zur Verbesserung der Lebensraumbedingungen für ausgewählte Zielarten
des Biosphärenreservats. Hierzu gehören u.a. die Groppe, der Eisvogel
und die Rhön-Quellschnecke sowie die Trollblume. Ziel war außerdem
die Verbesserung der Retentionsfunktion der Gewässer und der angrenzenden
Flächen zu Zwecken des Hochwasserschutzes.
Das Projekt wurde von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und der Zoologischen
Gesellschaft Frankfurt e.V. gefördert. Es wurde begleitet und unterstützt durch
Interessenvertreter aus Naturschutz, Wasserwirtschaft, Landwirtschaft und Fischerei.
Insbesondere wurden Fachplanungen der Wasserwirtschaft in das Konzept einbezogen
und modellhaft umgesetzt. Hierzu gehörten z. B.:
- der Ankauf von landwirtschaftlichen Flächen in den Auen des Projektgebiets
(46 ha) mit anschließendem Flächentauschverfahren, um Uferstreifen zu entwickeln
(vor allem an der Ulster),
- die Revitialisierung der Ulsteraue bei Pfersdorf auf einer Fläche von 35
ha,
- die Wiederherstellung ehemaliger Flussschleifen an der Ulster,
- die Wehrsprengung an der Brend (mit Unterstützung der Allianz Umweltstiftung),
- die Anlage von Umgehungsgerinnen zur Verbesserung der Längsdurchgängigkeit
des Gewässers (Brend),
- die Entnahme nicht standortgerechter Gehölze wie Fichten und Pappeln (Elsbach,
Ulster) und
- die Kartierung von Quellen.
Ein Schwerpunkt der Aktivitäten lag an der Ulster in Thüringen. Hier bestand aufgrund
massiver Eingriffe in das Gewässersystem in Form von Begradigungen und Uferverbauungen
während der DDR-Zeit großer Handlungsbedarf.
Verbunden war das Projekt mit Maßnahmen der Umweltbildung (Beteiligung an Ausstellungen,
Führungen von Schulklassen und Besuchergruppen, Multiplikatorenausbildung) sowie
einer breiten Öffentlichkeitsarbeit. Begleitend wurden außerdem Maßnahmen der
Forschung und des Monitorings durchgeführt.
„Rhön im Fluss“ -
ein Projekt zu Revitalisierung und Verbund ausgewählter Rhön-Fließgewässersysteme
Rhön-Qellschnecke:
Kap. C8
Wehrsprengung
Foto: Eckhardt Jedicke©
Von 2001 bis 2007 engagierte sich die Kreisgruppe
Bad Kissingen des Bund Naturschutz in Bayern e.V. (BN) in ihrem Projekt „Sinn-Allianz“
[xiv] für eine behutsame Rückführung des Mittelgebirgsbachs Sinn
in einen ursprünglicheren Zustand. Die Sinnallianz ist ein BayernNetzNatur-Projekt
zur Umsetzung des Arten- und Biotopschutzprogramms Bayern. Finanziell unterstützt
wurde das Projekt vom Bayerischen Naturschutzfonds und der Zoologischen Gesellschaft
Frankfurt. Ferner haben sich zahlreiche Ehrenamtliche des BN in das Projekt eingebracht.
In Abstimmung mit Grundstückseigentümern, Fischereiberechtigten, Behörden des
Naturschutzes und der Wasserwirtschaft wurden – wo dies möglich war – die Voraussetzungen
dafür geschaffen, dass sich die Sinn von alleine zum Wildbach zurückentwickeln
kann. Über Flächenankäufe wurden rund 35 ha wertvolle Aueflächen gesichert und
in Teilbereichen einer naturnahen Rinderbeweidung unterzogen. Begleitende Umweltbildungsaktivitäten
ergänzten die Maßnahmen und verankerten das Projekt auf breiter Basis.
Sinn-Allianz
Die Sinn wird wieder Wildbach.
Es ist geplant, die begonnen Maßnahmen der Gewässerstrukturrenaturierung
länderübergreifend weiterzuführen. Ein diesbezügliches Projekt ist in Vorbereitung.
Die Gewässerstruktur der Rhöngewässer ist insgesamt
günstiger als der bundesdeutsche Durchschnitt. Dieses Bild ist typisch für vergleichsweise
dünn besiedelte Mittelgebirgslandschaften. Der Nutzungsdruck auf die Gewässer
ist geringer als in Siedlungsschwerpunkten, in Industrieregionen oder in standortbegünstigten,
intensiven Agrarlandschaften. Dennoch sind über 50 % der Gewässer als deutlich
bis vollständig verändert anzusprechen und erreichen die mindestens angestrebte
Strukturklasse 3 nicht. Auch im Biosphärenreservat besteht daher erheblicher Bedarf,
durch nachhaltige Gewässerentwicklung die Gewässerstrukturen zu verbessern.
Gewässerstruktur ist im
Vergleich zum bundesdeutschen Durchschnitt günstiger – dennoch besteht erheblicher
Handlungsbedarf.